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Kreativitätsfeindliche Plattenindustrie (aus Facts 22 Feb. 2007)

Thomas Haemmerli am 9. März 2007 am 19:39 Uhr und 7 Kommentare

Aus Facts; 22.02.2007; Nummer 8; Seite 11
Carte Blanche

Die These
Bürokratien wie der Plattenindustrie- Verband Ifpi erfinden Gebühren und massen sich polizeiähnliche Kontrollfunktionen an. Wirtschaft und Bürger tun gut daran, sich dagegen zu wehren.
In höchstem Masse kreativitätsfeindlich

Der Autor
Thomas Haemmerli textet den Abstimmungsservice www.votez.ch und hat in Zürich mit Gastronomen die Neuauflage der Polizeistunde verhindert. Im April startet sein Dokumentarfilm «Sieben Mulden und eine Leiche».

Musikbranche und Fussballverbände erfinden Abgaben in der Hoffnung, dass sich DJs und Beizer einschüchtern lassen.

Computer haben das Mixen revolutioniert, Festplattenspieler erlauben es Discjockeys, bequem grosse Mengen Musik dabeizuhaben. Das ist der Plattenindustrie-Bürokratie ein Dorn im Auge. Der internationale Branchenverband der Musikindustrie (Ifpi[0]) findet, es gehe nicht an, dass ein DJ CDs kauft und dann auf seinen iPod überspielt. Der Verband will doppelt verdienen und verlangt deshalb neu von DJs bis zu 5000 Franken Gebühren. Er droht mit «erheblichen Schadenersatz-Forderungen» und «empfindlichen strafrechtlichen Konsequenzen».

Da es hier nicht um die Abgeltung der Urheberrechte für Musiker geht – dafür kassiert schon die Suisa happige Gebühren -, erklärten diverse DJs, sie würden die Anordnung ignorieren. Worauf Beat Högger von Ifpi[0] Schweiz ankündigte, Kontrolleure würden überprüfen, ob bei den Discjockeys ein Computer oder iPod stehe.

Das erinnert an die Fussballfunktionäre der Uefa, die sich als halb staatliche Macht aufzuspielen versuchten und von der Schweiz neue massgeschneiderte Gesetze verlangten, um mehr Werbeeinnahmen abschöpfen zu können. Und die dann verlangten, jede Beiz, die Uefa-Spiele übertrage, müsse extra bezahlen. Auch hier sollten Kontrolleure ausschwärmen, um die Beizen zu überprüfen. Nach Protesten von Restaurant-Betreibern blies die Uefa die Übung ab und verzichtete auf ihre Fussballsteuer.

Trotzdem will jetzt auch die Ifpi nach den Discjockeys die Beizen, die Musik ab Computer oder iPod spielen, ins Visier nehmen. Es ist das gleiche Muster: Private Körperschaften erfinden Abgaben und Steuern in der Hoffnung, dass sich Einzelpersonen wie DJs oder Kleinbetriebe wie Restaurants einschüchtern lassen – und dass sie lieber bezahlen und den Mund halten.

Diese Entwicklung ist darum beunruhigend, weil Bürokratien wie jene der Ifpi[0] oder Uefa weder durch die Politik noch durch den Markt kontrolliert und im Zaum gehalten werden. Irgendein Schreibtischtäter entdeckt einen juristischen Winkelzug, erfindet eine Gebühr und setzt Druck auf, um eine Zeche zu kassieren, die am Schluss der Konsument bezahlt.

Deshalb tun Wirtschaft und Private gut daran, sich rechtzeitig zu wehren. Niemand muss sich gefallen lassen, dass seine Beiz oder Disco von selbst ernannten «Kontrolleuren» der Uefa oder des Ifpi[0] ausspioniert wird. Es ist eine Anmassung, wenn diese so tun, als hätten sie Kontrollgewalt. Zwar können Ifpi[0]-Spitzel inkognito in einem Klub herumschnüffeln und auf gut Glück beim Staatsanwalt einen DJ denunzieren. Der Nachweis, dass dieser oder jener Sound vom iPod kam, dürfte schwierig zu erbringen sein. Zudem ist der Aufwand einer gerichtlichen Untersuchung, den notabene wir Steuerzahler zu berappen hätten, absurd gross, wenn man bedenkt, dass das mutmassliche Verbrechen darin besteht, dass ein DJ, statt Kisten zu schleppen, seine gekauften CDs auf seinem Computer transportiert.

Es gibt kaum eine Branche, die dermassen konservativ und kreativitätsfeindlich ist wie die Plattenindustrie. Sie hat es verschlafen, die Produktivitätsgewinne des Internets, das erlaubt, Musik praktisch zum Nulltarif zu vervielfältigen, an die Konsumenten weiterzugeben und an der Masse zu verdienen.

Und sie wird nie begreifen, dass sich Popkultur ständig neu erfinden muss. Hätte es all die Abgaben und Auflagen gegeben, als Punk oder Techno begannen, beides hätte sich nie entwickeln können.

Solange die Musikindustrie ihr Geld in Anwälte und Bürokraten steckt, solange sie durch Schröpfung von DJs und Beizern verdienen will statt mit innovativer Musik und sorgfältigen Produktionen, so lange tut man gut daran, ihr jeden Rappen zu neiden. Statt CDs zu kaufen, hört man besser Netzradio oder Gratissound von myspace.com. Oder lädt sich Musik herunter. Das ist in der Schweiz legal, sofern man mit Tauschprogrammen wie www.slsknet.org selber keine geschützte Musik anbietet.

Je schneller die alten Plattenfossilien in sich zusammenkrachen, desto besser für Konsumenten, Kreative und die Weiterentwicklung der Musik. «

von Thomas Haemmerli

Nachtrag: Die SonntagsZeitung vom 4.3.2007 vermeldet zur Angelegenheit:

Der Verband der Musikindustrie IFPI verlangt neuerdings Gebühren von DJs, wenn diese Musik ab iPod auflegen. Das Geld kriegen würden allerdings nicht die kleinen Dancelabels, die diese Musik produzieren, sondern die grossen Mainstream-Plattenfirmen. Am meisten einsacken würde also die grösste von ihnen: Universal, deren Chef Ivo Sacchi praktischerweise auch der Präsident von IFPI ist.

7 Kommentare

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  • 1 Sven am 13. März 2007, 17:17 Uhr

    …danke für den Hinweis, wirklich sehr interessant. In diesem Zusammenhang hätte ich folgenden Buch-Tipp: „Kinder, der Tod ist gar nicht so schlimm“ von Tim Renner, selber einmal Chef von Universal Music Deutschland ( „Und so ging ich halt….“ ist sein Schlusswort). Ebenfalls empfehlenswert ist das Buch vom Musikfuturisten Gerd Leonhard „The Future of Music“. Stellt Musik ins Grundangebot wie Strom und Wasser. 10 Stutz pro Monat und freier Zugang zum Weltrepertoire der Musik…

  • 2 Philip am 13. März 2007, 17:26 Uhr

    ..super, ich habe den artikel im facts gelesen. finde den kommentar von sven interessant – vor allem das buch „the future of music“…..muss ich mir mal reinziehen……..

  • 3 Thomas Haemmerli (Autor) am 14. März 2007, 22:40 Uhr

    Empfehle ebenfalls „Kinder, der Tod ist gar nicht so schlimm“ von Tim Renner. Fand ich grossartig. Der Mann redet aus dem inneren der Bestie. Habe ihm heute morgen ein Mail gesendet, weil ich nicht mehr weiss, wo der link war, zur Orginalversion eines im Buch zitierten Interviews mit einem Chef der damaligen Plattenfirma Philipps. Kernaussage: Plattenindustrie hätte um ein Haar die Einfühurng der CD verhindert. Weil sie Deppen sind. Kretins! Weil sie nix kappieren. Weil sie nicht begreifen, dass man aus dem Sound einen emotional besezten Fetisch machen muss, den man immer wieder mal in neuen, besseren Formaten verkauft.
    Das Wichtigste des Jetzt scheint mir: Es geht nicht mehr um Knappheit. Es geht nicht mehr darum, dass es zu wenig Schallplatten gibt und man diese LPs für den Preis der Soundproduktion, des Vinyls, des Kartonumschlages, der Distributionkosten plus Administration etc. pp. verkauft. Es geht nicht mehr darum, dass hungrige und rebellische Jugendliche darauf dürsten, dass gegen eine stiere Welt, wieder ein kleines Sütckchen von ihrer eigenen gesetzt wird, in dem ein Stückchen Popmusik veröffentlcht wird. (Alte Säcke wie ich erinnern sich daran, dass man für Roger Schawinskis demonstrieren ging anno 1979 weil sein illegaler Sender 24h Popmusik spielte, was unerhört, was subversiv, was gewagt war.
    Heute ist Kapital = Aufmerksamkeit. Deshalb gewinnt jeder Song und jeder Film, der in einer Tauschbörse ist. Weil überhaupt jemand weiss, dass es ihn gibt.
    Übrigens: Haben mir unlängst ein paar sehr arrivierte Menschen aus dem Kunstbetrieb erzählt: Ihr Werk bleibt vorläufig mit ihrem und dem Segen des Produzenten auf Youtube, weil damit Leute in China und weiss der Geier wo, überhaupt erst davon erfahren. UND LANGFRISTIG WIRDS VERKAUFT! It’s the attention, stupid!
    Und dann kommt beim Künstler und Anverwandten natürlich auch noch die narzisstische Seite dazu: Wenn dein Kram in keiner Tauschbörse bist, dann sei versichtert, dass du eine Null bist, die einen neuen Job braucht. Zum Beispiel bei der Plattenindustrie!

  • 4 sven am 15. März 2007, 10:17 Uhr

    Genau, es geht um Aufmerksamkeit. Es geht auch um eine Schaufensterfunktion: das Internet ist eine ideale Plattform, sich zu präsentieren, ein Kunst- und Kulturverständnis zu vermitteln, um Leute in hintersten Chrachen zu erreichen. Diese Entwicklung zu bekämpfen, ist sinnlos. Aber wer nie gewohnt war, selber kreativ zu agieren, kann auch nicht kreativ kontern. Youtube ist das beste Beispiel. Die einen fahren ein mit Milliardenklagen (wie sich dieser „Schaden“ berechnet, kann zwar niemand nachvollziehen), andere sind clever genug und überlassen die Werke dieser vernetzten Eigendynamik. Klar, das Internet macht klassische, monopolistische Vertriebskanäle überflüssig und der Mensch ist sich halt gewohnt, sich für Besitzstandswahrung zu wehren. Deshalb auch dieser ganze Konservatismus. Die fetten Jahren der Plattenindustrie sind vorbei, das sckleckt keine Geiss weg. Digital ist nicht unbedingt besser (schliesslich denken und handeln wir nach wie vor analog), aber unglaublich bereichernd.

  • 5 Michael am 6. Juli 2007, 17:47 Uhr

    (…Sie hat es verschlafen, die Produktivitätsgewinne des Internets, das erlaubt, Musik praktisch zum Nulltarif zu vervielfältigen, an die Konsumenten weiterzugeben und an der Masse zu verdienen).

    Ich habe nahezu 10 Jahre in der Musikindustrie „zugebracht“ und gebe Dir voll und ganz recht: Die Ursache wurde jahrelang dem illegalen CD-Brennen in die Schuhe geschoben. Während dieser Zeit hat niemand auch nur ein einziges Mal einen Blick in Richting Internet riskiert …nun, die Folgen sind sind ja bekannt ;-)

    Beste Grüße,
    Michael

  • 6 Tom am 15. Oktober 2007, 18:32 Uhr

    Da kann ich nur zustimmen …aber es kommt ja langsam etwas Bewegung in’s Musikbusiness! Mal schauen was die nächste Zeit so bringen wird…

  • 7 Bernhard am 28. November 2007, 16:13 Uhr

    In nächster Zeit werden wahrscheinlich ganz systematische einige illegale Downloader kontrolliert und mit irrwitzigen Strafen belegt, um Exempel zu statuieren. Treffen wird es mit Sicherheit die Falschen und ob das eine dauerhafte abschreckende Wirkung hat, bleibt dahingestellt…

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