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Anmerkungen der Produzentin

Mirjam von Arx am 1. März 2007 am 02:16 Uhr und 14 Kommentare

Mirjam von ArxThomas Haemmerli trug schon eine Kamera auf sich, als wir uns 1994 auf der »10vor10«-Redaktion kennenlernten. Diese zog er jeweils aus der Tasche, wenn eine Diskussion, ein Bild oder eine Szene seine Fantasie anregten. Als er am 8. März 2004 den verhängnisvollen Anruf der Zürcher Kripo entgegennahm und einige der aufwühlendsten Wochen in seinem Leben begannen, hat Haemmerli genau gleich reagiert. Er hat die Kamera ausgepackt und zu drehen begonnen.

Haemmerlis oft experimentellen, zuweilen auch kuriosen Fernsehreportagen waren mir in bester Erinnerung geblieben. Im Sommer 2005 erzählte er mir bei einem Brainstorming für mögliche gemeinsame Projekte am Rande auch vom Tod seiner Mutter. Und von rund 30 Stunden DV-Material das seit der Räumung der Horrorwohnung ungesehen in seinem Büchergestell lag. Die Geschichte wühlte mich auf und hat mich seither nicht mehr losgelassen.

Ungewöhnliche ist die Geschichte nicht, weil sie sich ereignet hat, sondern weil sie dokumentiert ist.

Weil Haemmerli dort weiterdrehte, wo wir alle lieber die Augen schliessen — vor allem, wenn unsere eigene Familie tangiert ist. Er zwingt uns damit zur Auseinandersetzung mit dem unerfüllten Wunsch nach heiler Welt und einem der letzten Tabus unserer Gesellschaft, dem Tod.

Haemmerli dachte anfangs, dass sich aus dem gedrehten Material ein Kurzfilm machen liesse, »den wir vielleicht mal den Freunden zeigen könnten«. Aber bald schon wurde klar, dass dieser Film auf weit grösseres Interesse stiess. Die Fernsehstationen und Kulturstiftungen reagierten fast ausnahmslos positiv, und nie zuvor hatte ich ein Projekt schneller finanziert. Was mich aber am meisten bestärkte, waren die persönlichen Reaktionen unserer Partner, Co-Produzenten und Förderer. Jedem Pitch — und ich habe das Projekt sehr oft gepitcht — folgte eine lange Diskussion, die sich oft zu einem persönlichen Gespräch über eigene Erlebnisse, Anekdoten und manchmal auch Ängste ausweitete.

Diese Nachhaltigkeit ist das Herausragende des Films. Dadurch, dass die Brüder Haemmerli ehrlich, mit Humor und ohne falsche Hemmungen darüber erzählen, was ihnen passierte, schaffen sie eine Gesprächsbasis, auf der sich plötzlich heikle Themen zu Hause und in unseren Familien diskutieren lassen.

Es ist ein Film, der die grossen Fragen nach dem Leben und seinem Sinn, nach dem Verhältnis von Eltern und Kindern und den Fährnissen der heutigen Konsumgesellschaft anspricht, ohne sentimental oder moralisierend zu wirken.

Haemmerli umschifft die drohende Gefahr einer peinlichen Selbstverständigungsarbeit und schafft stattdessen einen intelligenten, innovativen und anregenden Film für ein Publikum, das sich den grossen Fragen des Lebens stellen mag. Entstanden ist dabei ein Familienfilm für Erwachsene.

Mirjam von Arx, ican films gmbh
Zürich, 25. Februar 2007

14 Kommentare

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  • 1 Thinkabout am 7. März 2007, 04:43 Uhr

    Die spontane Reaktion wäre ja: Peinlich. Gut, dass das niemand sieht. Nur schon, um sich die Frage nicht gefallen lassen zu müssen: „Warum habt ihr das zu Lebzeiten „Eurer armen Mutter“ nicht bemerkt?“ hätten wohl alle anderen niemals ins Auge gefasst, was jetzt bebildert öffentlich ist.

  • 2 Mirjam von Arx (Autor) am 7. März 2007, 22:00 Uhr

    Ich habe mir natürlich auch überlegt, wie ich reagiert hätte, wäre meine Mutter im Mess gestorben. Hätte ich sofort gedreht? Wohl kaum. Um so dankbarer bin ich, dass es jemand getan und mir damit die Möglichkeit gegeben hat, mit den Eltern das Thema zu diskutieren.
    Und – was ich auch zuerst lernen musste: Messies sind unglaublich clever darin, Ausreden zu finden, um der Umwelt ihr Problem zu verheimlichen. Wenn man kein enges Verhältnis hat zu dem oder der Betroffenen, kann es drum leicht vorkommen, dass man das Ausmass der Sammelwut vollkommen verkannt.

  • 3 Thinkabout am 7. März 2007, 22:09 Uhr

    Ich habe den Film nicht gesehen – gerade deswegen sei mir eine leise Kritik erlaubt:
    7 Mulden und eine Leiche – DAS finde ich dann vielleicht doch etwas viel Entfremdung von der persönlichen Situation des überraschten Betroffenen…

  • 4 Bettina am 4. April 2007, 16:14 Uhr

    Hallo Frau von Arx

    Sie gehen mit Ihrem Film wirklich über Leichen…

    Woher nehmen Sie sich das Recht mit Ihrem Film einem toten Menschen alle Würde zu nehmen.

    Was denken Sie… hätte die Mutter dieser Veröffenlichung zugestimmt?

    Durch Ihr Interesse ist der Film zustande gekommen. Ein Frass für sensationsgeile Leute. Es fehlen mir einfach die Worte…

    Hoffentlich werden Sie den allfälligen Gewinn den betroffenen Hilfsorganisationen zukommen lassen.

    Bettina

  • 5 Mirjam von Arx am 4. April 2007, 16:39 Uhr

    Hallo Bettina
    Ich weiss nicht, ob Sie den Film gesehen haben, vermute aber, nein. Zum Frass vorgeworfen wird darin sicherlich niemand. Stattdessen erlaubt der ehrliche und sicher auch unzimperliche Blick auf dieses Familienschicksal eine vertiefte Diskussion und Auseinandersetzung mit unserer eigenen Geschichte. So jedenfalls haben wir bis jetzt jede der Filmvorführungen erlebt. Viele Leute sind auf uns zugekommen, haben von ihrer eigenen Familie, von Sorgen und Ängsten gesprochen – und so manch einer hat sich bei uns gemeldet und gesagt, dass er zu Hause „entrümpelt“ hätte. Nicht jeder Film hat diese Nachhaltigkeit. Und ob diese Geschichte erzählt werden darf, darüber haben nicht Sie oder ich zu entscheiden, sondern allein die Familienangehörigen, und das sind in diesem Falle die beiden Söhne.

    Und noch was zum Thema Geld: Wer auf einen fetten Gewinn hofft, dreht sicherlich keine Dokumentarfilme. Wir haben über eineinhalb Jahre lang sehr intensiv an diesem Film gearbeitet für ein Honorar, dass WEIT unter dem Minimallohn der Schweiz liegt. Habgier kann uns drum wohl niemand vorwerfen.

  • 6 Godard am 10. April 2007, 13:53 Uhr

    Hallo Haemmerli und Bettina von Arx

    Bin ja mal gespannt auf die Umsetzung. Ging mir letztes Jahr
    ähnlich, als wir das Haus unserer Grossmutter räumen mussten. Ein
    ansehnliches Sammelsurium an uralten Konserven (1975), Alkohol
    etc. Es waren Berge. Zweimal eine hausgrosse Mulde!!!! Dank
    rabenschwarzem Humor, wurde es ein lustig, melancholisches Drama.
    Ohne britischen Humor wohl kaum zu ertragen.Die daraus entstandenen Collagen sind Zeuge davon.

    Noch etwas dazu. Hab im Buch „Die Hintergründe zu den Helsinki-Roccamatios“ von Yann Martel
    noch eine sehr rührende Geschichte über das Messietum entdeckt
    „Spiegel für die Ewigkeit“. Besonders die 2. letzte Seite. „Jedes
    einzelne Stück in ihrem Haus hatte eine Seele, die ihr von jemandem
    oder etwas aus ihrem langen Leben erzählte. Ihre Besitztümer waren
    Bindeglieder, die Botschafter der Ewigkeit“.

    Liebe Bettina

    Wir wussten auch nichts davon, da wir uns nur im Wohnzimmer aufhalten durften…

  • 7 iris am 4. April 2008, 00:25 Uhr

    hallo bettina,

    ich finde in keiner weise, dass hier jemand zum frass vorgeworfen wird. na klar die anfangssituation des films ist schon etwas eklig. dieser anfang ist aber sehr wichtig für den film. na klar blendet man soetwas aus seinem leben gerne aus, tod, ekel, damit will man nichts zu tun haben. und ganz sicher will man seine eigene mutter nicht so entsorgen müssen. den haemmerlis ist es aber passiert und fand wichtig zu sehen, wie sie damit umgehen.
    den ganzen restlichen film über wird das leben der mutter gezeigt, in all seinen facetten. als ein paar bekannte zum beispiel sachen abholen, äußern sie sich dazu, was für coole sachen die mutter hatte und was für eine tolle frau sie bestimmt war. auch die brüder reden nicht schlecht über sie, sie zeigen sie eben wie sie war, auch mit den negativen seiten.
    das finde ich sehr wichtig und menschlich.

  • 8 Eva am 15. April 2008, 20:28 Uhr

    Hallo und Grüzzi miteinander… es war mir bis heute gar nicht bewußt , wie dekadent un kleinkariert die schweizer Jugend auf so einen wirklich einmaligen und großartigen Film reagiert….ich dachte bis jetzt, wir Deutschen hätten ein Problem…anscheinend nicht wirklich, ich frage mich so insgeheim… worüber wollen wir denn sprechen????? vielleicht doch lieber nur über das Wetter(so wegen der Bequemlichkeit) und außerdem, du liebe Güte, es gibt doch Schlimmeres als ein Messie zu sein , oder und immer schön gesund und entspannt bleiben…ich umarme die, die es nötig haben………………

  • 9 esteban am 17. Juli 2008, 23:31 Uhr

    Bettina: Nachdem ich den Film letzten Freitag anstatt der Arena wie sonst immer „reinzog“, wirbelte es in mir drin. Ein Zeichen dafür, dass der Film keine übliche Konsumware, sondern etwas war, was die Filter zwischen „Gewünschter/notwendiger Realität“ und „Realität“ ankratzt.

    Bei mir tauchte auch Dein Gedanke auf, von wegen „Respektlosigkeit ggü Mutter“. Aber dieser Gedanke hatte keine Chance, denn der Film entstand ja nicht „dafür“, dass sich die SVP einmal mehr empören darf, anstatt dass Sie endlich einmal mit all ihren verfügbaren B-und so-Millionen für Lösungen von realen Problemen bereit sich erklärt.

    Er entstand aus einem „darum“.

    Wie man beim Durchlesen aller Beiträge in den diversen Foren zu diesem Film ernicken kann, ist doch die Wirkung nun der Sinn/das Ziel des Films. Der Austausch von Gedanken darüber, was wir hier eigentlich tun. Nebst der eigentlichen Erfüllung des Sinnes des Lebens, Leben zu zeugen, damit die Art erhalten bleibe, optimiert an die Umgebung angepasst …

  • 10 kresse gisela am 5. Juli 2009, 23:28 Uhr

    so ein guter film – nur die beiden brüder wirken so wenig an die mutter gebunden-fast spöttisch-schade und ebenso abschreckend wie die müllwohnung.

  • 11 Brigitte Pechtrager am 17. Oktober 2009, 19:52 Uhr

    Danke, dass Sie Herrn Hämmerli die Möglichkeit gegeben haben diese Dinge, die auch ihn und seinen Bruder belastet haben müssen, zu zeigen.
    Man kann die besten Ideen haben, es hilft nichts, wenn keiner den Mut hat, das zu produzieren.
    Kein mir bekannter Bericht war für mich als Messie so wertvoll.

    Vielen Dank und liebe Grüße
    Brigitte Pechtrager

  • 12 rebecca antholz am 14. Juni 2010, 04:19 Uhr

    Thomas, I loved your film. I taped it on my dvr and I watch it over and over. Some of my family do not understand it and became enraged over it. I just laugh. What they fail to understand is that you were trying to work through the death of your mother and the aftermath of cleaning that apt. out. I thought it was extremely thought-provoking, in that it dealt with issues few americans talk about: death, dying, familial problems and hoarding. I hope to see more of your work for this documentary was absolutely brilliant!

  • 13 Veronika am 11. Dezember 2013, 02:22 Uhr

    Ich bin zufällig und etwas verspätet in den Film geraten und kam dann nicht mehr raus. Noch fehlen mir die Worte, ich kann nur sagen: Grossartige Arbeit. Danke für jede Menge Stoff zum Nachdenken…

  • 14 Bärbel am 11. Dezember 2013, 10:52 Uhr

    Hallo Frau von Arx,
    um das Phänomen „Messie“ zu erklären, hätte es diesen Film nicht gebraucht. Mittlerweile kann sich auch so jeder was darunter vorstellen.
    Ich finde den Film schon beeindruckend, bin aber auch sehr ambivalent, ob man ein Menschen nach ihrem Tod so bloßstellen darf. Aufgeregt haben mich aber vor allem die zynischen Kommentare der Brüder über ihre schrecklichen Eltern. Gleichzeitig konnte ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass sie es eigentlich ganz cool finden und lieber solche Chaoten als Spießer mit Spitzendeckchen als Eltern gehabt zu haben.
    Zumindest einer der beiden hat ja offenbar eine Tochter und ich würde mich freuen, wenn sie nach seinem Tod eine filmische Abrechnung über ihn machen würde. Denn eines ist sicher: Egal wie sehr er sich bemüht, ein guter Vater zu sein, seine Tochter wird das ganz anders sehen…

    Viele Grüße Bärbel

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