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Von Mutters Untenrum

Thomas Haemmerli am 4. April 2007 am 12:05 Uhr und 28 Kommentare

In der Reihe „Sie fragen schonunglos: Wir antworten fadengerade“ erreicht uns via das Magazin Facts, im Journalistenlingo „Faxen-Magazin“ genannt, eine Frage von Kritikerin Marianne Fehr:

Etwas zu viel auch an Intimität, die Haemmerli von der Verblichenen preisgibt: Wer muss schon wissen, von welchen Geschlechtskrankheiten sie heimgesucht wurde.

Genau, warum gibt man schmutzige Ehedetails der Eltern preis? Und wer muss das wissen? Wissen muss das, scheint mir, der Zuschauer und der politisch interessierte Bürger.
Konkret: Ich zitierte aus den Scheidungsakten meiner Eltern. Was im Film verlesen wird sind Sachverhalte, die so vor Gericht vorgetragen, protokolliert und in Dossiers verewigt wurden.
Machen kann man das, weil meine beiden Eltern tot sind. Ich zitiere das in meinem Film, weil er von der Zumutung ausgeht, was Eltern einem hinterlassen. Und es gehört zur Geschichte, weil eine der zentralen Beschäftigungen meiner Mutter der juristische Kampf gegen meinen Vater war. Der kräftig zurückgab. Verstehen kann man das nur, wenn man sich vorstellt, was es hiess, derlei Geschichten vor Gericht ausbreiten zu müssen.
Meine Eltern wurden noch nach dem alten Eherecht geschieden, dass die Leute zwang, die Schuldfrage zu klären und schmutzige Wäsche zu waschen. Und damit zum Grund, warum der politische Bürger von den Geschlechtskrankheiten meiner Mutter wissen muss. 1985 wurde das alte patriarchale Eherecht, das noch eine klare Überordnung des Pater Familias über die Gattin festschrieb zusammen mit dem alten Scheidungsrecht abgeschafft. Bekämpft wurde diese Revision von Christoph Blocher, der damit erstmals schweizweit unangenehm verhaltensauffällilg wurde und seinen Aufstieg zum Führer des nationalkonservativen Lagers begann.
Am 6. Juli 2006 gab eine Scheidungsanwältin im nationalkonservativen Sprachrohr Weltwoche (beim dem damals übrigens auch unsere Fragestellerin in Lohn und Brot stand) Folgendes zu Protokoll:

Ich komme zurück auf die Schuldfrage, die viele so gerne abgeschafft sehen wollten. Ich traure dem wirklich nach. Mit dem Schuldprinzip musste man Zerrüttung beweisen, beispielsweise durch Ehebruch, Kommunikationsunfähigkeit, psychische oder physische Gewalt. Und indem man das tat, verarbeitete man ein Stück Leben.

Ich zitiere die Scheidungsakten, weil man dabei mithören kann, wie es im konkreten Fall klingt, wenn man „ein Stück Leben verarbeitet“. Meine Eltern haben sich nach der „Verarbeitung“ 30 Jahre lang bekämpft, ihr Beispiel zeigt, warum die Verteidigung der Schuldfrage Unfug ist.
Auch deshalb gehört Mutterns Untenrum in den Film.

28 Kommentare

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  • 1 Svenja am 7. April 2007, 16:31 Uhr

    Zitat aus „Von Mutters Untenrum“ auf dieser Website:
    „Meine Eltern wurden noch nach dem alten Eherecht geschieden, dass die Leute zwang, die Schuldfrage zu klären und schmutzige Wäsche zu waschen. Und damit zum Grund, warum der politische Bürger von den Geschlechtskrankheiten meiner Mutter wissen muss.“

    Ist das nicht widersprüchlich? Indem die Schuldfrage geklärt werden musste (was übrigens nur der Fall war, wenn keine Einigkeit der Eheleute vorlag, den Zerrüttungsparagrafen gab es ja schon bereits seit ZGB), wurden persönliche und intime Details während des Prozesses ausgebreitet, das ist richtig. Dahin wollen wir nicht zurück. Und deshalb wäscht der Autor die schmutzige Wäsche seiner Eltern in aller Öffentlichkeit? Und gerade damit auf einen nicht wünschenwerten Zustand hinzuweisen … ?

    Es erstaunt mich übrigens nicht, dass von den Leuten, die den Film gesehen haben, weniger negative Kommentare kommen als von den anderen.
    Denn nur schon die Bereitschaft, sich den Film anzugucken, verweist ja schon auf eine gewisse Akzeptanz. Selbst bin ich mir noch nicht schlüssig.

    Grüsse, Svenja

  • 2 Thomas Haemmerli (Autor) am 7. April 2007, 17:23 Uhr

    Hallo Svenja

    Selbst wenn sich Ehepaare einig waren, dann musste die Zerrüttung nachgewiesen werden. Auch das hiess coram publico schmutzige Wäsche waschen.
    Wenn ich das heute zitiere, dann geht es mit um eine historische Position (wie war das damals), um eine individualpsychologische (warum haben sich meine Eltern später so bekämpft) und um eine aktuell-politische (warum irrt die Weltwoche).
    Einen Widersrpuch sehe ich darum nicht, weil der Schaden damals angerichtet worden ist. Heute kann kein Schaden mehr angerichtet werden, meine Eltern sind beide tot.
    Argumentiert man verantwortungsethisch, dann ergeben sich aus den Zitaten im Film zwei positive Gesichtspunkte: Es wird ein historischer Zustand verdeutlicht. Und es kommt ein anschauliches und konkretes Beispiel, das in eine – wenn auch nur schwelende – Debatte eingreift.

    Einig bin ich bei der Feststellung, dass wenn die Mehrheit der Zuschauer den Film positiv beurteilt, das noch lange nicht heisst, dass auch ein durchschnittliches Sample aus der Bevölkerung ihn mögen würden.
    Wir haben überall meinen schwarzen Humor betont, weil ich sicher nicht der richtige Mann für die ganz zartbesaiteten Zeitgenossen bin.

    Ich freue mich schon, wenn ich überhaupt ein Publikum finde, und ich freue mich auch, dass der Film über das lokale Publikum, das mit den zürcherischen Gegebenheiten vertraut ist, hinaus auf Interesse stösst. Ich weiss mehr, wenn die englische Fassung diesen Monat in Toronto gelaufen sein wird.

    Mit den besten Grüssen

    Haemmerli

  • 3 roland am 14. April 2007, 18:06 Uhr

    aus 2.TH – 7.4.07 17:23h“ … Ich freue mich schon, wenn ich überhaupt ein Publikum finde, ich freue mich auch, dass der Film über das lokale Publikum, das mit den zürcherischen Gegebenheiten vertraut ist, hinaus auf Interesse stösst. Ich weiss mehr, wenn die englische Fassung diesen Monat in Toronto gelaufen sein wird…..“

    …das Lokale ist leicht vergessbar, es sei man ist verbandelt frei-oder unfreiwillig.
    LbTH vielleicht mögen sie „interpretieren“ nicht so sehr, wie auch nicht den Blickwinkel der Parabel. Aber so wie ich den Film sah, wie ich meine er auch (nicht ausschliesslich) angelegt ist, ergibt sich eine sehr starke Umsetzung von:

    …macht aus dem Staat Gurgensalat

    ganz unabhängig Ihrer persönlichen psychologischen „Befangenheit“, positiver gesagt Betroffenheit, kann der Film doch mehr als Parabel zur Zeit (60-90iger) – Entwicklung der sog 68er und auch mentale RAF-Entwicklung gelesen bzw. gesehen werden.
    Ihr persönliches moralisches Plus: sie kamen ohne Morde aus!

    Weshalb sollte nicht genau dieser Film die Filmikone dieser gesellschafts-politischen/-philosophischen Idee werden, die schon heute von Zeitgenossen nicht mehr vermittelt werden kann. Um zu verstehen wann Hoffnungslosigkeit in Zerstörung eskaliert eignet sich Ihr Film doch besonders gut. Was noch zu jenen Zeiten ‚verrottet‘ heissen konnte, kann man jetzt halt Messi benennen.
    Aber als Publikum werden sich einerseits die psychologisierenden Zuschauer, wie auch andere etwas rausholen, weshalb also meinen es gäbe kein Publikum? es wird geben! mehr als Ihnen lieb ist. Das Spektrum ist doch breit genug um von Sozialarbeitern über Psychopersonal bis Kulturfreaks alle bedienen zu können. Und fängt da ein ‚Werk‘ nicht an, aus einem persönlichen Dilemma oder einer persönlichen Banalität herauszuführen?
    und seit wann durften noch so „schockierende“ Abhandlungen keinen ganz persönlichen Hintergrund haben? und Mutterschutz? wie oft kommt gerade dieser Ruf, stark aus der (auch unbewussten) Marienkultecke – und zeitbedingte Details wie Juristisches, medizinisches, deren Bedeutungswert von Jahrzehnt zu Jahrzehnt sich ändert – die „Neutralisierung“ ist doch ausser Persönlichkeitsschutz auch nur Kunstgriff!
    das als Nebenbemerkung für die „Legitimierung“ (so etwas in der Art machen zu dürfen wie diesen Film) –
    Und mit der „Unterstützung“ von der falschen Seite können Sie ja wohl umgehen, wie auch mit den variationsreichen Vorwürfen es nicht so genau zu nehmen mit der Pietät! – bei aller Sensibilität, wenn es um so eine nahegehende Geschichte wie die Ihre, bzw ihren Film geht, werden Sie es zu überhören, ignorieren lernen, zumindest ist es Ihnen, bzw Ihnen beiden zu wünschen.

    Und einen Blickwinkel zu haben, der auch für Sie aus der absolut falschen Ecke kommt – tut mir schon Leid Sie damit zu belästigen, aber weil lesen und sehen immer so unzumutbar individuell ist…. werden wir es beide überstehen – in diesem (auch noch so verqueren) Sinne alles Gute.

  • 4 Thomas Haemmerli (Autor) am 15. April 2007, 17:22 Uhr

    Lieber Roland, freut mich wenn Sie den Film interessant finden. Wie Sie die Kurve zur RAF sehen, ist mir nicht ganz klar. (übigens einer der besten hiesigen Dokfilme über den Weg zu bewaffnetem Kampf udn Terrorismus ist Gisieger Zwinglis DO IT. EIn extrem lustiger Film, der sehr viel erhellt, und von dessen Geist ist mir eine schöne Scheibe abgeschnitten habe, wenn ich hier auch mal mir verquer-verbotenen Metaphern rumballern darf. Und Gisieger hat mir auch sehr mit ihrer konstruktiven Rohschnitt-Kritik geholfen.

    all the best!

  • 5 So-Keht-das-doch-nicht am 28. Juli 2007, 16:15 Uhr

    ich finde es nicht so toll – aus dem Dahingehen seiner Mutter so ein Geschäft zu machen – Ein Menschl beibt ein Mensch und – man kann ja einen Film drehen aber doch nicht mit einem solchen Niveau? Messimother? Was soll so ein Wort – ich finde dies sehr sehr merkwürdig! Eigentlich tut es mir sogar etwas weh :( schade!

  • 6 Eva am 15. April 2008, 20:06 Uhr

    Herzlichen Glückwunsch,bin ganz Ihrer Meinung… natürlich gbt es Gesprächsbedarf….habe das Interview auf Radio1 gehört und den Trailer imNet gesehen….Lassen Sie sich nicht beirren, den Mutigen gehört die Welt ,und es ist äußerst legitim die Eltern(bzw. die Mutter) zu kritisieren…freu mich sehr auf den gesamten Film ,
    Weiter so und immer schön opportun bleiben, herzlichst, Eva

  • 7 Fran am 13. Juli 2008, 21:41 Uhr

    Lieber Thomas, ja ich hab’s mir angesehen, und ja, es tat weh. Ich darf dich sicher du nennen, denn eigentlich sind wir Geschwister. Nicht über einen italienischen Conte verwandt, aber durch eine zugemüllte Vergangenheit resp. bei mir ist es immer noch Gegenwart. Bei mir ist es alle paar Jahre eine Mulde, und das reicht jeweils schon füglich. Und ich weiss, ohne brandschwarzen Humor geht gar nichts. Sich immer wieder der Fassungslosigkeit stellen, der Verzweiflung, der Ohnmacht, dem Mitleid, schwankend zwischen Hass und Selbsthass usw. usw. Auch meine Mutter ist eine hochintelligente, kultivierte Frau.
    Wenn die Wirklichkeit vulgär ist, gibt es nichts zu beschönigen. Und Überforderung darf spürbar sein. Im grossen und ganzen habt Ihr das Thema trotz eurer Betroffenheit mit erstaunlichem Feingefühl dargestellt. Wart um Objektivität und Respekt bemüht. Und wer’s nicht selber erlebt hat, hat keine Ahnung, was das für eine Leistung ist. Danke euch! Fran

  • 8 Ulrike am 8. Dezember 2008, 11:20 Uhr

    Auch wir stimmen dem nur zu. Nach dem Haus voller Hinterlassenschaften meines Mannes (der Fehler war wohl, dass wir uns gemeinsam an die Arbeit gemacht haben) sind wir jetzt über dem Haus meiner (noch darin lebenden ) Mutter. Man braucht Humor – egal wie schwarz. Hilfreicher Film: Offenheit, Direktheit. So ist es… – genau so!

  • 9 claudia am 29. Januar 2009, 16:35 Uhr

    lieber thomas,hab mir gestern deinen film angesehen,ja……..!
    selbst geb1963,2geschwister,eltern geschieden und jahrelang im krieg,die mutter zunehmend vermessiet.ich flucht indie bewegung mit 16 über startbahn west nach berlin1981.
    später selbst drei kinder und schleichend zunehmende überforderung und kampf gegen das zuwachsen der wohnung.
    jetzt ist der letzte ausgezogen und dein film ist ne sehr geile unterstützung,um sich radikal von altem überlebten kram zu trennen.danke!
    ob ich mal das erbe meiner mutter besichtigen werde,ne lieber nicht,seit jahrzehnten kein kontakt aus selbstschutz.
    bei unserer familie ist es glaub ich auch ne mischung aus nachkriegsmacke und innerer panik und angst,was das horten und nix wegwerfen können angeht.
    aber oh hoffnung,bei meiner mutter lagerten stapelten sich alte bildzeitungen,gefrierbeutel wurden ausgewaschen,faules zeug im kühlschrank aufbewahrt etc, bei mir eher qualitativ wertvollere dinge und lange nicht sone mengen.
    trotz alledem,das zeug bindet zuviel energien und kommt jetzt weg.in diesem sinne nochmal danke für deinen schonungslosen film,der auf jeden fall zum nachdenken anregt.gruß c.

  • 10 käthe am 6. Juli 2009, 14:46 Uhr

    lieber thomas, gestern hing ich steinschwer im sofa (zustand n nachtdienst) und bin in deinen film quasi hineingeraten und ich kam nicht mehr davon los. was für eine unvorstellbare ackerei!!!! im verwesungsgeruch, im berg aus biografie, schreck, erstaunen, gekoppelt an die fragen, „warum tu ich mir das an?“, naja, muss ja alles weg – das fand ich schon sehr beeindruckend. gelungen finde ich den film gerade deshalb, weil die schonungslosigkeit, mit der da klar schiff gemacht wird, unverschleiert ist – bösartig wirkende witzchen, die ein wichtiges kompensationsmittel sind und der ausflug in die gefilde des werbespots (die versiffte küche), dieses irgendwann übertreiben MÜSSEN, weil es eklig, traurig und auch ärgerlich ist. mich hat das sehr angesprochen, ich fand es mutig, ich hab mehrfach trocken geschluckt und zwischendurch hab ich mich einfach auch schlichtweg amüsiert. vereinzelt haben mich gerade die verhaltensmuster angesprochen, dieses lachen müssen, obwohl es so paradox ist – ich kenne das von meiner arbeit auf einer intensivstation. da ist vor ekel, stress und überlastung einfach nichts anderes mehr möglich als sich vor lachen zu biegen.
    eigentlich finde ich das ein bisschen schleimig, aber ich finde, ich habe eine großartige doku gezeigt bekommen und da sag ich dann auch gern mal „danke“.
    herzlichst ausm norden, käthe

  • 11 zeedah am 6. Juli 2009, 15:04 Uhr

    I saw your film last night. Well done to both of you for courage to break some unhealthy ties. I loved the symbolism of the cleaning / cleansing / clearing.
    I am sure that although some of the process may have been easy, some was hard and some „what ifs“ might be lurking in the vacinities of your present lives.

    Take courage and keep it.

    Kind regards

    Zeedah Meierhofer-Mangeli

  • 12 Iso am 6. Juli 2009, 17:07 Uhr

    Hallo Thomas,

    gestern habe ich Ihren Film gesehen und war sehr beeindruckt. Ich verstehe nur nicht, wieso Sie und Ihr Bruder so lange nicht in der Wohnung waren und wie lange Ihre Mutter dort tot gelegen hat. Das soll kein Vorwurf sein.

    Hätte man früher etwas unterrnehmen müssen? Oder hätte das in das Selbstbestimmungsrecht Ihrer Mutter eingegriffen?

    Vor einiger Zeit habe ich in den USA eine Familie besucht, bei der ich in den 60er Jahren als Austauschschülerin ein Jahr gelebt habe– und ich war sehr gern dort! Die noch verbliebenen Familienmitglieder leben so ähnlich wie Sie es bei Ihrer Mutter dokumentierten. Vor Schreck wären mir fast die Gesichtszüge entgleist. Man war sich der Vermüllung dort nicht einmal richtig bewusst.

    All die Ansichten vonwegen „Geschäfte mit toter Mutter“ teile ich nicht. Beim Vibrator habe ich auch etwas geschluckt, aber auch das gehört zum Leben. Und die Warzen sind keine Geschlechtskrankheit.

    Wahrscheinlich ist das Problem „Messie“ weiter verbreitet als man denkt. Für mich mündet es eher in die Frage, wann man eingreifen soll / darf / muss, besonders als „Kind“. Auf anderer Ebene erlebe ich das mit meiner 88j. Mutter auch.

    Herzlich, Iso.

  • 13 Iso am 6. Juli 2009, 21:05 Uhr

    Soeben las ich ein Interview von Ihnen, worin meine Fragen schlüssig beantwortet wurden (Kontakt, Fußbodenheizung etc.). Beeindruckend, wie Ihre Mutter immer noch die Fassade der feinen Dame aufrechterhalten konnte. Zweifellos war sie eine akzentuierte Persönlichkeit, bei deren Eigenheiten man sich auch ohnmächtig fühlen musste. Möglicherweise ist Ihnen mit dem Film gelungen, Ihre Handlungsfähigkeit unter Beweis zu stellen.

    Wenn ich in der Zeitung lese, dass „plötzlich und unerwartet“ jemand in hohem Alter verstorben ist, frage ich mich oft, was für Gefühle hinter der Formulierung „lieben und treusorgenden Mutter “ versteckt sein mag. Sicher ist das oft gemeint, aber es gibt bestimmt Fälle, für die ich eine alternative Formulierung finden möchte, z.B.“nun endlich ist eine schwere Last und Sorge von uns genommen worden“, „Wir atmen auf“, „erfreulicherweise blieb noch ein wenig Geld übrig“. Meine Mutter strengt mich oft wahnsinnig an, und trotzdem werde ich es nicht schaffen, eine ehrliche Traueranzeige aufzugeben– wenn ich sie überhaupt überlebe…

  • 14 HP am 7. Juli 2009, 08:23 Uhr

    Lieber Thomas Haemmerli,
    ich habe mir Ihren Film angeschaut… Und ich bewunderere Ihre Ehrlichkeit und Ihren Mut, dass Sie die Familiengeheimnisse öffentlich preisgeben. Danke, dass ich teilhaben durfte, an einem traurigen Stück Ihres Lebens.

    Ich zolle Ihnen meine Hochachtung und Sympathie
    HP

  • 15 Manfred Bering am 16. Juli 2009, 05:05 Uhr

    ,Betr. Anna geborene von Imfeld(aus Graz) war die erste Frau
    meines Großvaters (um 1885-90) Daraus entsprangen 3 Kinder
    Brünhild, Senta und Parcival(wohl teilweise frühverstorben)
    Die Kinder hatten deswegen Vornamen aus der Opernwelt
    Richard wagners, weil mein Großvater ein aktiver Wagner-
    Verrückter war (und ich es auch bin).Da müssen doch zusammenhänge bestehen.Mehr als die Namen weiß ich nicht, –
    stehen aber im Familienstammbaum. Großvater hat dann neu
    geheiratet und 4 Kinder gezeugt.
    mfg Manfred Bering

  • 16 Barbara am 21. Januar 2011, 12:22 Uhr

    Hallo Thomas Hämmerli
    Vielen Dank für diese schonungslose Lektion. Mein Umgang mit einem ähnlichen Desaster war eher diskret – die Verarbeitung des Entsorgungstraumas nur einem kleinen Bekanntenkreis vorbehalten… einmal mehr ein Beweis, das Tabu’s auf eine heilsame Art gebrochen werden können – suuuuuper! Alles Gute, B.

  • 17 rania am 21. Februar 2013, 08:07 Uhr

    Ich war vom Anfang bis zum Ende schockiert ab Ihrem Film. Wo ist der Respekt und die Liebe zu Ihrer Mutter verloren gegangen? Ich konnte Sie und Ihren Bruder überhaupt nicht verstehen. Vielleicht liegt das daran, dass ich aus einem ganz anderen Kulturkreis stamme. Wie lange lag Ihre Mutter tot in der Wohnung? Das Ihre Mutter die Wohnung zugemüllt hat, schockierte mich noch am wenigsten. Vielmehr wie desinteressiert Sie an Ihrer Mutter waren und Ihr Gemütszustand an Ihrer Todesstelle. Vielleicht haben Sie mit der Ironie den Trauer zu überspielen versucht, aber es war zuviel. Ich habe den Anschein, dass bei vielen Schweizern die Familie nicht sehr wichtig ist, was mich traurig und nachdenklich macht.

  • 18 rania am 21. Februar 2013, 09:30 Uhr

    Als Sie von Ihrer Mutter sprachen, war das wie wenn Sie von einer wildfremden Frau sprechen, welche Sie anhand von den hinterlassen Gegenständen kennen zu lernen versuchen. Ich glaube das war das hauptsächliche was mich mich verwirrt hat.

  • 19 Thomas Haemmerli (Autor) am 21. Februar 2013, 15:31 Uhr

    Liebe Rania, zuerst zu den Fatktenfragen: Meine Mutter lag rund zehn Tage in der Wohnung. Und – im Gegensatz zu meinem Bruder – hatte ich ein distanziertes Verhältnis. Nun zur komplizierten Frage:
    Wenn man einen Monat lang im Chaos arbeitet, der Leichengeruch in den Räumen hängt, dann kann man nicht desinterssiert sein. Wo Sie Recht haben: Mein Bruder und ich wappnen uns gegenüber den Katastrophen des Lebens generell mit Ironie. Und mit schwarzem Humor. Und natürlich hat es auch mit kulturellen Prägungen zu tun. Obzwar Atheisten haben wir diese protestantische Grundierung, der emotionaler Überschwang suspekt ist. Dann bin ich ein eher intellektueller Charakter und gewohnt, Dinge sowie mich selber zu analysieren. Und als Filmer sehe ich mich als Geschichtenerzähler. Und nichts hätte ich grauenhafter gefunden als ein gefühlsduseliges Trauerstück. Nun gibt es im Film ja einige Hinweise, dass wir das nicht auf die leichte Schulter nehmen und vom Tode unserer Mutter und den Umständen erschüttert sind. Ich erzähle, dass ich jeden Abend Wein reinleere. Das ich nächtens lese, weil ich nicht schlafen kann. Explizit rede ich von Verdrängung. Es gibt sowohl von meinem Bruder als auch von mir eine Einstellung, in der man sieht, dass wir ziemlich fertig sind. Es gibt die Einstellung, in der ich über die Paradoxie der Umweltschutz-Rationalisierung meiner Mutter spreche. Dabei grinse ich ein wenig. Die Kamera bleibt auf meinem Gesicht, meine Mundwinkel gehen nach unten. Heisst: Die humorige Art wird als Lüge entlarvt. Mir schienen das überdeutliche Zeichen auf Gefühlszustände. Nun sind wir uns heute vom Kino und den Realityshows gewohnt, dass Emotionen nur dann wahr sind, wenn sie überdeutlich ausagiert werden. Meine Sache ist das nicht.

  • 20 Rania am 22. Februar 2013, 00:29 Uhr

    Lieber Thomas

    Vielen Dank für deine Nachricht. Ich verstehe euch nun besser. Ich wollte euch nicht verurteilen. Niemand kann das, der nicht das gleiche durchlebt hat. Sehr schön fand ich die Aufnahmen aus eurer Vergangenheit. Für mich war eure Geschichte sehr interessant. Liebe Grüsse

  • 21 Annamaria am 7. März 2013, 12:23 Uhr

    Hallo Thomas und Erik
    Euer Film hat mich beeindruckt. Das Filmische ist aber nur die eine Seite, auch die Verarbeitung von längst (fast) vergessenen Augenblicken. Was ich als besonders positiv erachte, ist die gemeinsame Arbeit, der Zusammenhalt und die Fähigkeit, viel Unschönes (möglichst) positiv zu betrachten, auch Humor rein zu bringen. Man hätte das ja auch anders verarbeiten können, das weiss ich. Eure Art wird mir Vorbild sein, vielen Dank.
    Herzlich, Annamaria

  • 22 F.W. am 11. Dezember 2013, 00:14 Uhr

    Hallo Herr Haemmerli,

    leider bin ich gerade in Ihren lausigen Film hineingeraten.

    Sie sollten sich einfach schämen:
    So ein Schwachsinn, sich selbst ein Einverständnis vorzulügen, um mit kompromittierenden Details aus dem Privatleben der Eltern die eigene Person zu vermarkten.

    Sie sollten sich wirklich schämen.

    Gruß

    F.W.

  • 23 Thomas Haemmerli (Autor) am 11. Dezember 2013, 01:11 Uhr

    Hallo F.W.
    der Film ist ja nicht ganz neu. Von daher habe ich schon ziemlich alles gehört. Ich darf Ihnen aber versichern, ich habe mir ziemlich genau überlegt, was ich warum tue. Und der überwiegende Teil der Publikumsreaktionen ist positiv. Wenn Sie ihn nicht mögen, dann geht das in Ordnung.
    Schönen Abend auch

  • 24 elizabeth Sinnott am 11. Dezember 2013, 01:53 Uhr

    Liebe Brüder Haemmerli,
    Mein Mann und ich haben gerade Ihren Film angesehen und wir waren etwas erschrocken und traurig, dass zwei Brüder die eigene Mutter so porträtieren würden. Als Filmemacher hatten Sie die Möglichkeit das „Messie“-Problem zu beleuchten in einer konstruktiven Art und Weise, die andere Betroffenen hätte helfen können. Durch Aufklärung und Information könnte man verhindern, dass Menschen mit diesem Problem so enden müssten wie Ihre Mutter. Aber die unnötige Respektlosigkeit hat vom eigentlichen Thema leider abgelenkt und verzerrt. Auf der menschlichen Ebene habe ich mich für Sie geschämt. Erstens haben Sie offensichtlich keine Zeit für Ihre Mutter gehabt als sie lebte aber 4 Wochen „geopfert“ zum respektlosen Weghauen und Verbrennen ihre Sachen und durchforsten ihre persönlichsten Papiere. Wie wäre es Ihrer Mutter gegangen wenn Sie diese Zeit genommen hätten um ihr zu helfen als sie noch gelebt hat? Was bewegt ein Mensch einen Film zu drehen in dem der Kot und der Leichensaft von der eigenen vernachlässigten Mutter vom Boden gekratzt wird und der Vibrator gezeigt und drüber geschmunzelt wird? Möchten Sie so gezeigt werden wie Sie Ihre Mutter der Welt gezeigt haben? Schade. Sie hätten wirklich einen konstruktiven Film zu diesem Thema drehen können. Und der hätte einen Unterschied machen können. Menschliche Verachtung ist eine Sünde. Das es um die eigene Mutter geht zeigt eine emotionales Amputiertsein. Ich hoffe, dass Ihre letzte Jahre nicht so verbringen müssen wir Ihre Mutter und v.A., dass Sie nicht so verächtlich porträtiert werden von Ihren eigenen Fleisch und Blut. Schauen Sie Ihren Film nochmal in 10 und 20 Jahren an und spüren Sie wie er auf Sie dann wirkt.

  • 25 Elvira Grebnellow am 11. Dezember 2013, 01:55 Uhr

    Liebe Brüder Hämmerli,

    bin beeindruckt, nehme für mich und den Umgang mit dem Thema Messitum sowie Elternbeziehung jede Menge mit. Dieser Film macht Mut, nicht den Kopf zu verlieren und eine zu belastende emotionale Verstrickung durch eine legitime pragmatische, offene, schwarzhumorige Art und Weise zumindest auf’s erträgliche zu entschärfen. Sage für Vielerlei in diesem Werk an Euch Danke.

    Besten Gruß aus Berlin
    Elvira

  • 26 Josef Betz am 12. Dezember 2013, 03:17 Uhr

    Hallo Herren Haemmerli,
    zufällig bin ich diese Woche auch in Ihren Film auf 3sat geraten.
    Auf der einen Seite fand ich ihn irgendwie interessant, auf der anderen Seite aber auch erschreckend.
    Um auch mal etwas direkt zu werden fällt mir dazu der „Ausdruck“ ein:
    Zwei erwachsene Kinder fressen ihre eigene Nachgeburt einschließlich der Mutter auf.
    So stelle ich mir in etwa die Situation kurz vor dem Untergang der Menschen vor, indem sie sich selbst zerfleischen und wieder zu unschuldigen Tieren werden!?
    Mutige Männer gehen voraus.

  • 27 Ilka am 12. Dezember 2013, 23:17 Uhr

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  • 28 Thomas Albrecht am 12. Dezember 2013, 23:33 Uhr

    Danke für den Film. Ich finde den Umgang mit den Eltern darin völlig legitim, jedenfalls ist er grundehrlich und die Bedürfnisse und Rechte der Lebenden sollten ohnehin vor denen der Toten gehen.
    Wie sagte Oscar Wilde: Kinder lieben anfangs ihre Eltern. Später beurteilen sie sie. Manchmal verzeihen sie ihnen.
    Wenn es zum verzeihen zu spät ist, weil sich die zu verzeihende Tat quasi posthum ereignet, oder weil Dinge hochkommen, die man längst überwunden glaubte, wenn der andere schon nicht mehr da ist, dann ist auch etwas „Verarbeitung“ angezeigt. Ich fand den Film sehr befreiend.

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