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Septs bennes et un cadavre: Genève, Lausanne et la Chaux-de-fonds

Thomas Haemmerli am 21. Januar 2008 am 21:03 Uhr und 4 Kommentare

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Genève, à partir du 23.01, Cinéma Bio
Lauanne, à partir du 30.01, Cinéma Bellevaux
La Chaux-de-fonds du 13.02-24.02, Cinéma ABC

Dossier de presse (860.403 KB)

4 Kommentare

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  • 1 Thomas Haemmerli (Autor) am 5. Februar 2008, 14:53 Uhr

    Une spectatrice de Lausanne m’a posée un tas de questions en allmand. Voilà les réponses. Un interview en Français qui répond à beaucoup de ces questions se trouve dans le dossier de presse. Et des longues interviews – aussi en Français – se trouveront sur le Double-DVD qui sera publier fin de Mars.

    FAGEN EINER ZUSCHAUERIN AUS LAUSANNE
    Sie, Thomas Haemmerli, sind 1964 geboren. Als Sie die Zürcher Polizei 2004 mitten in Ihrer vierzigsten Geburtstagfeier benachrichtigt, dass Ihre Mutter tot aufgefunden worden ist, was ist Ihre erste Reaktion? Und dann im Leichenschauhaus? Haben Sie auch im Leichenschauhaus gefilmt ? Sind Sie zusammen mit Ihrem Bruder zur Leichenkammer gefahren?

    Es war nicht während der Party, sondern während der Vorbereitungen. Es war wie ein Hammerschlag. Ich dachte zuerst, das Fest bleibt, die Leute sollen doch feiern, ich gehe derweil mit meinem Bruder trinken. Dann habe ich aber doch noch alles abgesagt, was mich ziemlich beschäftigt hat. Wenn jemand stirbt, dann hilft es einem sehr, dass man im Anfang alle möglichen Sachen machen muss. Die Leiche lag auf einer Bodenheizung und war schon so zersetzt, dass sie per DNA-Analyse identifiziert werden musste. Ich habe die Leiche also nie gesehen.

    Hatte Ihre Mutter Geschwister? Nichten und Neffen?
    Nein.

    Sie sagen, dass Erik Haemmerli sie öfter sah als Sie selber? Heisst das einmal im Jahr, oder wie oft?
    Mein Bruder sah sie sehr häufig, alle ein, zwei Wochen oder hatte Kontakt.

    Und Sie, wie lange hatten Sie keinen Kontakt mehr mit Ihr? Seit Ihrem sechzehnten Geburtstag? Sie sprechen von wenig Kontakt, wenig ist „ein Telefonat oder eine Postkarte einmal im Jahr?
    Als ich ausgezogen bin, hatten wir einige Jahre gar keinen Kontakt. Später dann so zwei Mal im Jahr. Und in der letzten Zeit etwas häufiger, weil ich mich um ihre Finanzen zu kümmern suchte. Und mein Bruder und ich sichers tellen wollten, dass sie anständige Versicherungen und eine Altersvorsorge hätte. Sie war zu derlei
    Dingen selbst nicht in der Lage.

    Hatte sie eine Wohnung in einem Mietshaus ? Oder ein ganzes Haus am Züriberg? Anscheinend verfügte sie über einen privaten Garten, stimmt?
    Sie hatte in einem Haus mit drei Partien eine Wohnung auf drei Etagen sowie den Garten.

    Haben sich die Nachbarn nie um sie gekümmert? Haben sie sich nie über den vermüllten Garten beklagt? über den Gestank, die Unordnung, die eigentlich schon lange vor ihrem Tod existieren sollte?
    Das ist eine Fehlinterpretation. Der Garten war nicht einsehbar. Der Gestank in der Wohnung kam von der Leiche, ansonsten hat die Wohnung nicht gestunken. Sie hatte ja nicht das Diogenes-Syndrom, wo man jeden Abfall behält und die Dinge verfaulen. Sondern das Messiesyndrom, wo man ganz viele Sachen behält, aber nciht unbedingt den Müll. (Auch wenn beide Krankheiten nicht so klar fefiniert sind.).

    Ausserdem: Die Frage, ob sich die Nachbarn nicht gekümmert hätten, zeigt eine falsche Vorstellung des Syndroms. Erstens streiten praktisch alle Messies ab, dass sie ein Problem haben. Meine Mutter war eine energische Person, die sich schon dagegen gewehrt hat, dass ich ihre Finanzen in den Griff zu kriegen versuchte. Die hätte den Nachbarn den Marsch geblasen, wenn die sich jn ihre Angelegenheiten eingemischt hätten. Das einzige Indiz waren die Dinge die in der gemeinsamen Garage standen, da hat zuweilen die Feuerpolizei und dann der Hausbesitzer sich gemeldet, wobei meine Mutter immer behauptete, das sei jemand anderes, der die Sachen in der Garage hätte.

    Hat der Besitzer nie versucht, ihr zu kündigen? Er hatte keinen Grund dazu.

    Hat der Briefträger nie was bemerkt? Sie hatte eine Postfachadresse, der Briefträger kam gar nie bis zu ihrer Tür.

    Wie oft hat sie die Schlüssel ändern lassen?
    Keine Ahnungg, wichtig war nur, dass die Verwaltung keinen Zugang haben würde.

    Sie sagen, dass sie niemand mehr zwischen 1994 und 2004 ins Haus liess, was passierte am Anfang dieses letzten Jahrzehnts?

    Ich weiss es nicht. Der Zeitraum ist, glaube ich noch grösser. Und: Es scheint mir falsch, zu glauben, es hätte ein auslösendes Ereignis gegeben. Ich meine eher, die Entwicklung kam schleichend. Und im Moment, in dem mein Bruder ausgezogen ist, gab es natürlich weniger Druck, etwas aufzuräumen.

    Ihre Mutter lag anscheinend mehr als eine Woche tot auf dem Boden. Wer hat die Polizei benachrichtigt?
    Mein Bruder versuchte sie seit einigen Tagen zu erreichen und sagte: Wenn sie dir zu deinem Geburtstag nicht gratuliert, dann ist etwas passiert. Das Problem war auch, dass sie schwer zu erreichen war. Wir haben ihr drei Handies gekauft, die sie aber nicht benützte. Auch die zwei Computer, die sie hatte, hat sie nicht benützt. Sie hatte keinen Telefonbeantworter. Und hat das Telefon auch nicht immer abgenommen.

    Sie erklären im Film, dass die Leichensäfte bis einen halben Meter in den Beton eingezogen waren. Der Boden musste da, wo die Leiche gelegen hatte, frisch gegossen werden. Welche Kommentare haben Sie von den Nachbarn gehört?
    Die Nachbarn haben das so lange ich dort war, nicht mitbekommen.

    Solche Messieleute wie Ihre Mutter vergessen meistens, ihre Post aufzumachen. Ihre Frau Mutter anscheinend nicht: sie zahlte ihre Rechnungen, oder? Ich nehme es an, wobei sie wahrscheinlich Daueraufträge hatte, nur schon um so lange in Griechenland sein zu können. Ich habe aber auch viel ungeöffnete Post gefunden.

    Ihr Vater ist 1997 gestorben, nicht wahr? Hat die allmähliche „Downspirale“ Ihrer Mutter dann angefangen, als sie keine monatliche Pension mehr von ihm kriegte?
    Nein. Aber der Tod meines Vaters war für sie sehr irritierend, weil sie ihn immer wieder juristisch bekriegt hat. Mit seinem Tod war ein wichtiger Teil ihres Lebens plötzlich sinnlos. Der Feind tot.

    Sie sagen, Sie hätten von da an Ihrer Mutter CHF 3’500.- im Monat gegeben : es ist eine grosse Summe! Wie schaffen Sie das? Für eine Frau, die Sie ins Internat verfrachtete (für wie lange?), als Sie 7 oder 8 waren, und die Sie mit 13 nicht mehr sehen und sprechen wollten?
    Ich war, wie ich im Film betone, sehr froh, ins Internat zu können. Weil ich so unbotmässig war, drohte mir die Sonderklasse und das Internat war ein Ausweg. Ansonsten: Das gehört halt einfach dazu, dass man sich um die nähere Familie kümmert, wenn es nötig ist. Allerdings war ich froh, mich mehr um technisch-organisatorische Aspekte wie Finanzen zu kümmern, derweil mein Bruder die emotionaleren Parts mitübernahm.

    Die glamouröse Vergangenheit der Familie (Briefe, Dokumente, Fotos, Filme, Objekte, etc. über Baronessen, Grafen, Grossmutter, Urgrossmutter, die verschiedenen Liebhaber, die Beziehungen mit Aristokraten, usw), das alles haben Sie erst in den Papieren von Ihrer Mutter herausgefunden ? Das war doch eine erzählens- und verfilmenswerte Vergangenheit! Hatten Sie vorher keine Ahnung davon, Sie, als Journalist?
    Vieles habe ich erst entdeckt, als ich an dem Film zu arbeiten begann. Als Jungrevoluzzer verabscheute ich alles Familiäre, und ganz lange hat mich Familie nicht interessiert. Als Journalist sehe ich ständig interessante Geschichten, die sich erzählen lassen und wäre auch nie auf die Idee gekommen, bei miener Famile zu suchen. Allerdings spielte ich ein wenig mit dem Gedanken, einmal ein ausführliches Interview zu ihrem Leben zu machen.

    Ihre Frau Mutter liess sich mit 60 liften, also 1994. Nach den Bildern ist sie tatsächlich eine schöne Frau, in der Art der auch gelifteten Catherine Deneuve. Sie war also eine kokette Frau, die gefallen wollte. Wem ? Man lässt sich nicht für drei Katzen (und mehr in Griechenland) liften.

    Ich weiss praktisch nichts über Männerbeziehungen, aber viele sind es m.E. nicht gewesen. Und Sie dürfen nicht vergessen, dass sie ein reges Sozialleben ausserhalb der Wohnung hatte. Kommt hinzu, dass ein Lifting oft wohl nicht mit der Absicht gemacht wird, dass man einer bestimmten Zielgruppe gefallen will.

    Was hat sie auf den Weg zum Chaos gebracht?

    Das weiss ich nicht. Die Spezialisten können es nicht sagen. Und ich scheue mich sehr vor vereinfachenden Kausalitäten, im Stil von: Weil x passiert ist, und sie die Enttäuschung y erlebte, wurde sie Mein essie.

    Wie lange war sie verheiratet? Ungefähr 1963 bis 1973.
    Betrachtete sie sich als verheiratet, solange ihr Mann am Leben war? Nein, sondern als geschieden.

    Wann starb Ihr Vater? 1997.
    Hatte sie überhaupt einen Beruf gelernt? Sie sprach sechs Fremdsprachen und war sehr gebildet. Sie hat in Genf die Dolmetscherschule absolviert.

    Sie distanzieren sich durch Humor, Humor gilt als Filter zwischen der grauenhaften Vision der vermüllten Wohnung und deren Bedeutung und Ihnen. Der Film als Katharsis ? Das Nicht-Gesagte, der Mangel an Auseinandersetzung mit ihr, fällt das Ihnen schwer?
    Humor ist generell eine grossartige Methode, um sich die Zumutungen des Lebens vom Leib zu halten. Und was die Auseinandersetzung anbelangt: ich hatte ja einen Monat lang Zeit, während des Aufräumens über einges nachzudenken. Und dann nochmals während der Montage, bei all den Interviews und Publiumsdiskussionen. Aber wie gesagt: Ich hüte mich vor vorschnellen Kausalitäten.

    Sie klagen vor allem Ihre Mutter der Oberflächlichkeit an, und der besessenen Liebe zu juristischen Klagen.
    Ich wüsste nicht, dass ich sie der Oberflächlichkeit bezichtige. Aber das ganze Geld und die Energie, die sie in ihre Anwälte steckte, die hätte sie sicher auch fruchtbarer verwenden können.
    Eine stets unzufriedene Frau, eine unausstehliche Nörglerin? Das weiss ich zu wenig. Aber über meinen Vater hat sie sich oft beklagt, was ich mir immer verbeten habe, weil ich schon als Kind fand, ich wolle in die elterlichen Streitigkeiten nicht involviert werden.vernünftig streiten liess, war er mir sehr viel näher.

    Aber wie war Ihr Verhältnis zu Ihrem Vater?
    Lange Zeit von politischen Differenzen geprägt, aber als ruhiger Zürcher Protestant mit dem sich
    vernünftig streiten liess, war er mir näher. Und als jemand, der sein Leben im Griff hatte.

    War er auch das Opfer dieser Frau? Ich denke nicht, den er hat nach der Scheidung wieder geheiratet und sich ein angenehmes Leben eingerichtet. Die Gerichtsauseinandersetzungen waren sciher nicht angenehm, Schuld dürften beide tragen.

    Sie gehören zur alternativen Welt, Sie hassen Spiessbürger, halten nichts von der Familie, Sie scheinen, ein echter Bohème zu sein. Alles ihretwegen? Warum wollen Sie die Leute zum Lachen über sie bringen?
    Ich gehörte zur alternativen Welt, habe mich dann aber einige Jahre lang auch der Karriere verschrieben und bin heute ein TV-Apparat mit sehr vielen Kanälen und Freunden in Millieus die durch alle Schichten und Alterskllssen gehen. Wer man wird, das ist auch stark von Zufällen abhängig.
    Nun zum Humor. Im Film entsteht er aus zwei Quellen:
    1)
    Den Sprüchen, die mein Bruder und ich klopfen. Dabei gab es keine Absicht, das war einfach die Reaktion auf die harte Situation und so sind wir nun mal halt. Kam dazu, dass wir beide auch nicht soviel miteinander zu tun hatten und deshalb ein wenig in Verhaltensmuster unserer Kindheit zurück fielen.
    2) Der Humor der am Schnitttisch via Kommentar und Montage hergestellt wird. Den verwende ich, weil ich immer wusste, würde ich je einen Film machen, dann sollte er die Leute nicht langweilen.

    Sie haben sicher von vornherein geahnt, dass Sie durch diesen Film verpönt, verachtet, gehasst und angegriffen werden. Gilt das auch als Katharsis?
    Nein. Viel war vorgegeben. Nämlich: das Material. Dann habe ich mich für eine Struktur entschieden, die mir passend erschien. Ich wollte einen Film aus subjektiver Perspektiv, der von der ausgeht von der Zumutung, mit dieser Situation konfrontiert zu sein. Es gibt zwei rote Fäden. 1) Kampf gegen das Chaos; die Wohnung wird leerer. 2) Die Familiengeschichte, die aus dem Chaos auftaucht, wird immer chaotischer. Der Film sollte unterhaltend sein. Den harten Einstieg wählte ich, weil ich hoffe, dass das eine Verankerung gäbe in den ernsten Themen wie: Tod, Sinn des Lebens, Sinn der Dinge, die man anhäuft. Und weil ich hoffe, dass man – je nachdem – auch nach dem Kino noch ein wenig nachdenkt.
    Für die ganzen Eingaben habe ich eine relativ lange ethische Abhandlung geschrieben, warum es richtig ist, diesen Film so zu machen.
    Das es auch Schelte gibt, finde ich normal. Bei Sachen, die mir am Herzen liegen denke ich, sie sind zu brav, wenn es niemanden gibt, der sie hasst. Aber ich trete jetzt schon länger mit dem Film auf, und die Reaktionen sind meist so, dass ein Fünftel bis ein Viertel den Film gar nicht mag, der Rest aber schon. Ich kann da inzwischen mit einigem Selbstbewusstsein argumentieren, weil ich den Publikumspreis in Duisburg bekommen habe, eine Jury mir den Zürcher Filmpreis, eine weiter Jury eine Nomination für den Schweizer Filmpreis zuerkannt hat. Ich verweise auch auf die Einträge der Zuschauer am australischen Fernsehen in diesem Blog, wo man sieht, dass für Angehörige von Messies und für Direktbetroffene der Film hilft.

    Etwas gewundert hat mich, dass das Gros der Westschweizer Journaille den Film ziemlich Scheisse findet. Aber, fair enough, wer sich mit seinen Produkten ans Licht der Öffentlichkeit drängt, muss damit rechnen, dass es Schelte gibt.

    Der Titel hört sich als „Thrillertitel“ an, ein wenig morbid. Um die Massen zu locken, um mehr Hass bzw. Sympathie zu bekommen?

    Einen Film fabriieren ist ein Prozess. Am Anfang hiess der Titel „Bergstrasse“, ich dachte, der Film würde 30 Minuten und dann zwei Mal in einem kleinen Kino für Freunde laufen. Dann wollte die Produzentin einen Titel, der besser verkauft. Nun finde ich, wenn man sich einmal dazu entschlossen hat, mit einem Film an die Öffentlichkeit zu gehen, dann soll man das nach allen Regeln der Kunst tun. Und ich kann ihnen sagen, Kundschaft ins Kino zu kriegen ist ein verdammt hartes Los. Da kann man gar nicht werberisch genug sein.

    Sie wissen, dass Sie Voyeure anlocken werden?

    Voyeur ist ein Terminus aus der Sexualwissenschaft, der Personen beschreibt, die beim Betrachten der sexuellen Aktivitäten anderer, erregt werden. Als liberaler Geist habe ich damit keine Schwierigkeiten, wenn jemand sich an irgendetwas erregt. Aber: Das was Sie wahrscheinlich meinen ist, dass die Leute sich den Film auch ein wenig aus Sensationsgier ansehen. Nun, das ist doch völlig in Ordnung. Ohne das Wechselspiel von ein wenig Drang zur Darstellung, ohne die Lust am Hinschauen gäbe es keine Dokumentarfilme. Und jeder darf in dem Film sehen, was er will.

    Während eines Monates haben Sie allerlei sortiert, weggeworfen, verbrannt, zerstört und weggeben. Sie sprechen nie von Wertsachen wie Schmuck, Geld, schönen Büchern, Kunstsachen. Solche Sachen haben Sie bestimmt auch gefunden, warum erwähnen Sie keine?
    Das ist eine Unterstellung, von der mich interessieren würde, wie sie darauf kommen. Die Kunstsachen waren praktisch alle verkauft, Schmuck gab es nur noch Modeschmuck, Geld gab es keins und auch bei den Büchern waren keine grossen Entdeckungen zu machen.

    Sie berichten über vaginale Krankheiten Ihrer Mutter, zeigen auch vor der Kamera ihr Dildo. Warum berichten Sie darüber, und verschweigen ganz bestimmt andere Entdeckungen? Ihr Konflikt mit der Mutter scheint sehr vielschichtig zu sein? Warum so gewalttätig?

    Nähme mich ja Wunder, welche ganz bestimmen Entwicklungen ich verschweige. Selbstverständlich ist Film machen immer Reduktion. Aber hier müssten Sie konkreter werden.
    Ich glaube nicht, dass die Dildo-Szene und das Zitieren der Gerichtskaten gewalttätig sind.
    Der Einfachheit halber: Die Antwort auf eine entsprechende Kritik aus Zürich:

    In der Reihe “Sie fragen schonunglos: Wir antworten fadengerade” erreicht uns via das Magazin Facts, im Journalistenlingo “Faxen-Magazin” genannt, eine Frage von Kritikerin Marianne Fehr:

    Etwas zu viel auch an Intimität, die Haemmerli von der Verblichenen preisgibt: Wer muss schon wissen, von welchen Geschlechtskrankheiten sie heimgesucht wurde.

    Genau, warum gibt man schmutzige Ehedetails der Eltern preis? Und wer muss das wissen? Wissen muss das, scheint mir, der Zuschauer und der politisch interessierte Bürger.
    Konkret: Ich zitierte aus den Scheidungsakten meiner Eltern. Was im Film verlesen wird sind Sachverhalte, die so vor Gericht vorgetragen, protokolliert und in Dossiers verewigt wurden.
    Machen kann man das, weil meine beiden Eltern tot sind. Ich zitiere das in meinem Film, weil er von der Zumutung ausgeht, was Eltern einem hinterlassen. Und es gehört zur Geschichte, weil eine der zentralen Beschäftigungen meiner Mutter der juristische Kampf gegen meinen Vater war. Der kräftig zurückgab. Verstehen kann man das nur, wenn man sich vorstellt, was es hiess, derlei Geschichten vor Gericht ausbreiten zu müssen.
    Meine Eltern wurden noch nach dem alten Eherecht geschieden, dass die Leute zwang, die Schuldfrage zu klären und schmutzige Wäsche zu waschen. Und damit zum Grund, warum der politische Bürger von den Geschlechtskrankheiten meiner Mutter wissen muss. 1985 wurde das alte patriarchale Eherecht, das noch eine klare Überordnung des Pater Familias über die Gattin festschrieb zusammen mit dem alten Scheidungsrecht abgeschafft. Bekämpft wurde diese Revision von Christoph Blocher, der damit erstmals schweizweit unangenehm verhaltensauffällilg wurde und seinen Aufstieg zum Führer des nationalkonservativen Lagers begann.
    Am 6. Juli 2006 gab eine Scheidungsanwältin im nationalkonservativen Sprachrohr Weltwoche (beim dem damals übrigens auch unsere Fragestellerin in Lohn und Brot stand) Folgendes zu Protokoll:
    Ich komme zurück auf die Schuldfrage, die viele so gerne abgeschafft sehen wollten. Ich traure dem wirklich nach. Mit dem Schuldprinzip musste man Zerrüttung beweisen, beispielsweise durch Ehebruch, Kommunikationsunfähigkeit, psychische oder physische Gewalt. Und indem man das tat, verarbeitete man ein Stück Leben.
    Ich zitiere die Scheidungsakten, weil man dabei mithören kann, wie es im konkreten Fall klingt, wenn man “ein Stück Leben verarbeitet”. Meine Eltern haben sich nach der “Verarbeitung” 30 Jahre lang bekämpft, ihr Beispiel zeigt, warum die Verteidigung der Schuldfrage Unfug ist.
    Auch deshalb gehört Mutterns Untenrum in den Film.

    Nun zum Dildo: Ich habe die Szene reingeschnitten, weil 1) mein Film von der Zumutung ausgeht, mich mit all disen Sachen konfrontiert zu sehen. 2) Eltern sind so lange sie leben Instanzen, gegen die man rebelliert, sich abgrenzt oder deren Liebe man erringen will. Sind sie tot und geht man durch ihre Sachen werden sie sehr menschlich. Zum Beispiel als sexuelle Wesen, die einen Dildo haben 3) Ich werde ein wenig rot und lächle verlegen. Das fand ich im Nachhinein peinlich und ich wollte auch Szenen haben, wo man nicht einfach nur eine kesse Lippe riskiert. Denn: Ein Dildo ist ja im Grund ein positives Instrument. 4) Der Dildo gehört – als etwas was aus dem Chaos auftaucht – zu den Objekten, die kulturgeschichtliches Kolorit geben. So wie ich sage, dass mein Vater den Playboy abonniert hatte, sage ich, dass meine Mutter einen Dildo hatte. Beides finde ich eher positiv.

    Bilder und Filme machen, Bilder und allerlei sammeln, das scheint sich in den Genen der Haemmerls zu finden. Sie selber mögen schöne Bücher, sammeln und filmen auch gern und dauernd. Haben Sie Angst, Ihrer Mutter zu gleichen?
    In der Sammelei ja. Ansonsten bin ich recht anders, aber die Angst sitzt mir, seit ich weiss, dass schon meine Grossmutter ein Messie war im Nacken. Und seit ich weiss, dass Messies sich für viel interessieren und vom perfekten Archiv träumen. Das beschriebt mich recht gut. Handkehrum hat die Arbeit am Film auch geholfen, dass ich viel mehr wegwerfe.

    Ihr Film hat in mir den Voyeurismus getroffen, und auch die Angst erweckt, in Einsamkeit und Chaos wie Ihre Mutter zu enden, in der allgemeinen Gleichgültigkeit unserer Gesellschaft.
    Das ist eine Fehlinterpretation. Meine Mutter hatte Freunde und Bekannte, sie hat diese einfach nie in ihrer Wohnung getroffen. Sie war also nicht spezielle einsam. (Weil ich kein Porträt meiner Mutter, sondern einen Film über eine Zumutung machen wollte, habe ich keine Freunde befragt.)
    Auch mit der „Gleichgültigkeit der Gesellschaft“ hat ihr Los nix zu tun. Sie hätte sich dagegen gewehrt, dass sich jemand in ihr Leben einmisch. Ausserdem: Man kann nur bedingt für das Glück der anderen zuständig sein. In Selbsthilfegruppen von Junky-Angehörigen beispielsweise ist etwas vom ersten, was man lernt, dass man sich auch abgrenzen und sein eigenes Leben haben muss.

    Welchen mehr öffentlichen Zweck verfolgten Sie mit diesem Film?
    Ich finde es immer ein wenig prätentiös, wenn man ein Kulturprodukt macht und sagt: Damit wirke ich auf die Gesellschaft ein. Aber: Ich habe immer gehofft, dass sich das Tabuthema Tod und das eigenartige Bilderverbot, dass wir Tote nur in der Fiktion sehen, ins Blickfeld rücken lässt. Ausserdem: Hätte ich vor zwanzig Jahren einen Film gemacht, der enthüllt hätte, dass meine Mutter Junky oder Lesbe war, hätte es Stimmen gegeben, die das Ungebührlich gefunden hätte. Dank all der Filme, Diskussionen etc. pp. sind das heute Abweichungen von der Norm, mit denen wir einen normalen Umgang haben. Ich denke, dahin muss man mit dem Messieproblem kommen. Als ich mit dem Film begann, hat es mich viel gekostet, zu sagen: ich mache eien Film über meinen Mutter, die Messie war. Heute geht das gut. Und es wird noch viele Filme, Artikel, reisserische TV-Beiträge und Diskussionen brauche, bis man mit dem Messieproblem vernünftiger umgehen kann. Das würde es Betroffenen auch einfacher machen, zu ihrem Problem zu stehen und sich nicht verstecken zu müssen. Ich hoffe, dass mein Film sein Scherflein beiträgt und sehe darin übrigens auch den Grund, warum es ethisch nötig ist, einen Film wie den meinen zu zeigen.

    So, Leser, Leserin, jetzt sind Sie wieder dran. Und: Ende März kommt die DVD mit vielen lanngen Interviews zu diesen Themen.

  • 2 Maggie Habermacher am 11. Juli 2008, 23:58 Uhr

    Der Film hat mich tief berührt.
    Sie sind 2 gute Söhne, sie haben den Film sehr liebevoll gemacht, trotzdem……..

  • 3 Walter Popp am 17. Juli 2008, 00:03 Uhr

    Fantastic movie. Have to get rid of all the ‚müll‘ to protect my daughter. Where can I buy the DVD?

    W.

  • 4 I. Tschech am 6. Juli 2009, 11:55 Uhr

    Widerlich, wie die Söhne mit ihrer toten Mutter umgehen. Die Kälte bei der Bestattung sagt alles aus über sie. Keine Blumen, keine Ansprache, nichts.

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