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Danke für das Wochenende in Capri. (Oder: Hamburg, Duisburg, Kassel)

Thomas Haemmerli am 21. November 2007 am 15:33 Uhr und 14 Kommentare

Es war bizzzzzzzzzzzarrrrrrrrrr. In Hamburg erwartete mich am Eintritt in den Saal ein Trüppchen Autogrammjäger, die allesamt eine Unterschrift auf eine Karte sowie eine in ihr persönliches Album haben wollten. Und je nachdem noch ein Foto mit mir. Das lag nicht an meiner Person, die Autogrammjäger passen alle ab, die einen Film dort haben, vielleicht wird aus einem von uns ja dann mal noch was.

Dann könnte man die Programmkarte auf ebay in Euro verwandeln. (Das ist mir nicht ganz fremd, ich habe mich, nachdem ich als Journalist jahrelang Stars begegnet war und Autogramme immer doof und unter meiner Würde fand, von meinen Freunden Thomas Campolongo und Christoph Virchow anstecken lassen, und strecke seither bei Künstlern öfters den Katalog für ein Autogramm hin. Mein Standartargument: Sollte ich eines Tages ein armer Alter werden, liesse sich der signierte Richard Hamilton oder Sara Lucas-Katalog sicher in ein Schnitzel samt einem Dreierli Roten verwandeln.)
Ich schrieb den Damen Sachen wie:

Danke für die tolle Nacht!

, den Herren

In unverbrüchlicher Freundschaft, dein Haemmerli

in die Alben und hoffe, dass die Unterschrift irgendwann etwas wert sein werden. Dann könnte ich mich nämlich selber mit Tauschgütern für Schnitzel und Dreierli versorgen. (Seltenes Haemmerli-Autogramm mit exklusiver (!) Widmung „Danke für das schmutzigschöne Wochenende in Capri.“)
Eine der Entdeckungen in Hamburg war der grossartige Peter Ott, Schwerintellektueller, Filmemacher und seit neustem Professor für Film. Ich schloss den Mann sofort in mein Herz, alleine die Fresse mit den dunklen Augen, den Schiffstaugrossen Augenbrauen und dem dunklen Bart ist ein herzhaftes Hallelujah wert. (In echt unverbrüchlicher Freundschaft, Dein Haemmerli)

Haemmerli liebt Peter Ott
Interessant war Hamburg vor allem wegen des Zusammentreffens mit hanseatischer Filmförderung, Produzenten und Regisseuren. Deren grösste Sorge momentan: Die TV-Sender finanzieren nur noch mit, wenn sie sich gleichzeitig die Internetrechte krallen können; ohne dafür zusätzlich etwas springen zu lassen.
Das Problem: DVD-Deals, die oft die Motivation sind, dass Verleiher im Ausland überhaupt auf einen Film einsteigen, fallen damit oftmals flach. Und: Wenn das Netz als Distributionskanal die DVD abzulösen beginnt, erzwingen die Sender den Mehrwert, bei dem am ehesten Geld zu verdienen wäre. Nach den Erklärungen dachte ich innerlich empört: Nieder! Nieder! Kanaillen!
Als Filmgeschäftsgreenhorn bin ich aber eher ratlos. Es scheint mir aber, Internetrechte müssten von den Sendern abgegolten werden.
Ansonsten ist das Filmfest Hamburg das bestorganisierte Festival, das ich kenne, wenigstens aus der Sicht eines Eingeladenen.

Duisburg

Die Duisburger Filmwoche ist ein Diskussionsfestival. Nichts läuft gleichzeitig. Ist ein Film durch, dann wird diskutiert. Oft auf ungewöhnlich hohem Niveau. Ich hatte gehört, es gehe zuweilen äussert hart zu und her. Man hatte mir warnend erzählt, ein Schweizer Filmemacher hätte nach der Diskussion geheult. Ich war gespannt. Ich war in Harnisch. Ich war geewappnet für Streitereien. Es war dann aber ganz nett. Der Abend schon weit fortgeschritten, hatte ich gut gespiesen, Wein und einen Wodka ins System geschüttet und fuchtelte aufgeräumt auf der Bühne rum, derweil Werner Ruzicka, der Festivaldirex neben mir sass, und mit seinen langen Fingern eine Zigarette nach der anderen rauchte, was mir ungemein gefiel.
Werner ist sofort erkennbar, weil die grauen Haare in alle Richtungen stehen, was im u.a. von Peter Ott den Übernamen Rod Stewart eingetragen hat.

Werner RuzickaJessica ManstettenMir fiel es aber irgendwann wie Schuppen von den Augen: Ruzicka hat zwar eine Vergangenheit bei der Jeff Beck Group ist aber natürlich Ron Wood und nicht Rod Stewart. Zu Ron Rod Werner erzählte mir Jessica Manstetten, die Presseallgewaltige von Duisburg eine schöne Anekdote, dass nämlich eine junge Frau, die vom Werner-sieht-aus-wie-Rod-Stewart-Vergleich in Kenntnis gesetzt, fragte:

Wer ist Rod Stewart?

Rod Stewart, Schätzchen, war der Sänger der Jeff Beck Group. Heute moderiert er das Filmfestival Duisburg.
Wiedersehen mit Peter Ott, der einen essayistischen Film über die Goldenen Zitronen gefertigt hat, der mich immer wieder an Godards One plus one erinnert. Der Film verweigert sich allen gängigen Rockgeschichtsschreibungsformaten und wirkt deshalb so erfrischend.
Noch besser kam’s als Ott an einer Congatrommel, der Goldene Zitronier Ted Gaier an der Gitarre auftrat.

Ted Gaier und ich waren uns einig: Wir waren die beiden bestangezogenen Männer dieses Abends.

Gaier sieht dann auch noch gut aus und ist aber auch sympathisch und intelligent und mir war schlagartig klar, was eine befreundete Dame gemeint hatte, die mir erläuterte wie sie ob Sensations-Gaier alles hatte liegen und stehen lassen, um mit Gaier in Lebensgemeischaft zu machen.
Zu meinem Machwerk sagte er noch etwas wirklich Kluges. Nämlich, ich käme unter anderem so gut mit der Geschichte durch, weil sie in der Bourgoisie spiele und man sich gerne gefallen lasse, wenn bei den Reichen alles in die Brüche ginge, derweil das bei einer schönen Proletarierfamilie lange nicht so einfach funktioniert hätte.

PreisverleihungPeinlicherweise hockte ich an der Preisverleihung ganz vorne, als mich der Publikumspreis ereilte.

PreisträgerperspektiveIch hockte vorne, weil ich Fotos knipsen wollte von Michèlle Wannaz, einer Schweizer Jurorin, die sich nicht fotographieren lassen will, und wusste auf der Bühne weder etwas Gravitätisches noch etwas Unterhaltsames zu sagen.
Dafür sind die Fotos geknipst.

Michelle WannazDas Hochgefühl war gross, die Nacht wurde durchgefeiert und ich landete irgendwann wieder in der Kneipe, wo gegen morgens immer jemand Tische umwirft, diesmal dummerweise mit Kerzen drauf, so dass mein Anzug voll Wachs, meine Ko-Position als bestangezogener Mann dahin war, und flugs gänzlich an Ted Gaier überging. Trotzdem sollte ich mich noch grossartig amüsieren. Duisburg war klasse.
(Kassel auch, aber jetzt muss ich dringend los.)

14 Kommentare

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  • 1 Andy am 27. November 2007, 11:25 Uhr

    Schon mal drüber nachgedacht Autogramme auf Anfrage zu verschicken? Gibt doch bestimmt einige die sich über eine persönliche Widmung á la Danke für die tolle Nacht in Capri! freuen würden…

  • 2 haemmerli am 30. November 2007, 15:14 Uhr

    Frankiertes Rückantwortcouvert, dann unterschreib ich praktisch alles.

  • 3 Thomas am 3. Dezember 2007, 13:32 Uhr

    Scheint Spaß gemacht zu haben ;-)

  • 4 Plissee am 13. Dezember 2007, 12:09 Uhr

    Die Idee mit den Autogrammkarten fnd ich richtig gut. Zumal ich es noch nie aus dieser Sicht gesehen habe. Ansonsten scheint ja der Ausflug richtig lustig gewesen zu sein: So macht Arbeiten Spass.

  • 5 Christian am 14. Dezember 2007, 22:46 Uhr

    nur so als tipp: wenn man einen fußball verein anschreibt und ein rückschein beilegt kann man sich ganz einfach von einer ganzen mannschaft autogramme besorgen (auf trikots z.b.) – die sind dann auch einiges wertvoller bei den auktionshäuser…

  • 6 Thorben am 16. Dezember 2007, 20:06 Uhr

    Wenn man das ganze weiterspinnt, könnte man als etwas prominente Person doch damit reich werden, dass man seine Unterschrift auf Papier und Textilien versteigert….
    Bei dem Gedanken ist mir gerade eingefallen, dass es sehr lustig ist, wenn man einem Bekannten Geld überweist und etwas interessantes in den Verwendungszweck schreibt. Gerade bei Banken auf dem Dorf oder wenn man den Überweisungsträger am Schalter abgibt :)

  • 7 André am 17. Dezember 2007, 12:13 Uhr

    Christian, haste das schonmal versucht?

    Meine Erfahrung ist das man 4-5 Autogramme bekommt und en Hinweis das man den kompletten Satz im Fanshop für 19,99 Euro erstehen kann.

    Gruß André

  • 8 Susi am 18. Dezember 2007, 11:21 Uhr

    @Thorben

    ;-) ..was willst Du damit bezwcken? Allgemein verstehe ich es nicht wieso manche Leute so auf Autogramme geiern. Kann mir das jemand erklären? Was daran so toll ist?
    Vielleicht weil man mit diesem Autogramm beweisen kann das man diese Person getroffen hat?

  • 9 Andrea am 26. Dezember 2007, 08:53 Uhr

    das mit den autogrammen sollte ich auch anfangen :-)

  • 10 Alex am 30. Dezember 2007, 21:58 Uhr

    Also ich kann das mit den Autogrammen auch nicht verstehen. Auf einem Springturnier hat mir Sepp Maier mal ein Autogramm in die Hand gedrückt, als ich neben ihm stand und seiner Tochter hoch zu Ross zusah. Ich wusste gar nicht wer der ist und hab es dann meinem Vater gegeben. Der hat sich gefreut. Wie dem auch sei, ich wollte eigentlich fragen wann man den Film denn mal zu sehen bekommt?

  • 11 Oliver am 12. März 2008, 03:03 Uhr

    Hi Thomas,
    Grossartiger Artikel, danke dafür. Ich habe bei der Berlinale auch bemerkt, daß sich auch Fotografen auf jeden stürzen, der „irgendwie“ nach Star aussieht, weil man sich ja sonst Rüffel vom Chefredakteur einfangen könnte, da man MR. oder MRS Oberpromi inkognito verpasst hat…Da gabs auch recht komische Szenen teilweise.

    Schöne Grüsse
    Oliver

  • 12 Sonja am 13. April 2008, 13:33 Uhr

    Wieviele Autogramme habt ihr so schon sammeln können?

  • 13 ralf am 25. April 2008, 09:06 Uhr

    „Neid!!“, so viel Spaß hatte ich noch nie bei der Arbeit.
    Scheint mir ich hab den falschen Beruf gewählt.

  • 14 Chrissi am 14. Juni 2008, 10:41 Uhr

    Aber auch da würd ich mir mein Ohr nicht anlecken lassen:)

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