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SOUND VON FREUNDEN: Saalschutz, Crazy, TNT

Thomas Haemmerli am 14. Juni 2007 am 12:11 Uhr und 9 Kommentare

Danke Sara Schär und TNT! Merci Knüsel & Crazy & Mital-U! Hurra DJ M T Dancefloor und Saalschutz! Sie alle haben uns ihren Sound zur Verfügung gestellt und dazu beigetragen, dass man eine Geschichte vernünftig erzählen kann.

TNT: Züri Brännt!
Der Schrei „Züri Brännt“ stammt von „Definitiv, Zürich 1976 bis 1986“. Die Doppel-CD versammelt den Soundtrack zur Zürcher Jugendbewegung, die im Mai 1980 explodierte, und dazu gehört der Schrei „Züri brännt!“
als Einleitung Songs Razzia der Punkband TNT von 1981. In Tat und Wahrheit gehört der Kampfruf aber zu einem früheren Stück, das prophetisch „Züri brännt!“ hiess und 1979 aufgenommen wurde. Die damals 14jährige Sängerin Sara Schär brüllt ins Mikrophon:

Züri brännt, die alte Wixxer-Stadt, Züri brännt vor Aschiss ab.“

Der Ausdruck „Züir brännt“ wurde während der militanten Jugendbewegung, wo so manches brannte, zum Ausdruck dafür, dass Zürich in Aufruhr war, weil eine rebellische Jugend der Polizei Wochenende für Wochenende Strassenschlachten lieferte. „Züri brännt“ wurde dann auch der Titel des ersten Films, mit dem „d’Bewegig“ sich selber darstellte.
Dass nicht „Züri Brännt“ sondern „Razzia“ auf dem Definitiv Sampler ist, hängt damit zusammen, dass es irgendwelche schwachsinningen Copyright-Steitereien um den Song gab.
Die CD hat enthält noch den einen oder anderen Hammer, mein absoluter Liebling ist der Boni Koller Song „Kleptoman“, den er mit der Band Nilp aufnahm. Und höchst charmant ist „Züri Punx“ von Sperma, das in seiner Liebenswürdigkeit herzerweichend ist.
Songs hören und weitere Infos auf: http://www.definitiv-zh.ch; http://schallplatten.ch/Swiss_3__Punk.htm

Crazy: Ech well frei si
Crazy war eine Luzerner Punkband, die ich erstmals 1981 am Allmendfest hörte, weil ich den legendären Abend, als Crazy mit Hans-A-Plast in der Roten Fabrik spielten, verpasst hatte. Die Crazy-LP liebte ich heiss, und es war ein steter Quell von Verdruss, dass sie in irgendeiner WG abhanden gekommen war. Aber die gütige Vorhersehung hat dafür gesorgt, dass Mital-U sie als CD wieder heraus gegeben hat. Der Text von „Ech well frei si“ brachte einiges vom Lebensgefühl, eingefasst in punknotirische Ohohoh-Chörli, auf den Punkt:

Oisi Welt isch verschissä, ohohoh, ich verzieh mich ich verreisä ohohoh“.

Genau, Scheisse, ich hau jetzt ab! So einfach war das. Mein zweiter Lieblingssong auf dem Album ist der zornige Schwulensong „Dany“ mit den Zeilen:

„Dany isch nid andersch gsi, är isch nu äh Schwulä gsi. Er hät mängem eis vo hindä verpasst, will er alles wiblichi hätt ghasst“.

Alles über Crazy und die CD: http://www.mital-u.ch/crazy/

Crazy und Sara Schär von TNT sind übrigens 2006 wieder aufgetreten im Rahmen der Vernissage für das famose Punkbuch: Lurker Grand, Hot Love, Swiss PUNK&WAVE , Edition Patrick Frey.

Saalschutz (feat. Stina Galaxina): Leerer, inhaltsloser Ausdruck
Am 18. April 2003 sah ich in der Sihlpapierfabrik an den Dadafestowchen, die von meinen Kumpels Mark Divo und Pastor Leumund organisiert wurden, ein unglaublich aufregendes Konzert. Saalschutz(http://www.saalschutz.com) spielten dilettantisch einfachen Elektro mit schrägen Texten, grinsend und glücklich tanzte ich im Schein irgendwelcher Lagerfeuer.
Das Saalschutzkonzert war einer dieser Momente, wo man weiss, man ist im richtigen Moment, am richtigen Ort.
Und das Lied „Leerer, inhaltsloser Ausdruck“ mit dem Refrain

Um über Kunst zu diskutieren

ist der perfekte Sound zu den Bildern von dem Abend, als mein Bruder und ich an der besetzten Plattenstrasse Potlach betrieben und die alten Weine wegsoffen. Der Sound passt, weil er das Feeling des Museums Plattenstrasse wieder gibt. Der Spiritus Rector der Plattenstrasse, Mark Divo hat ein Flair, gemütliche Kunstsalons einzurichten und einen anregenden Mix an Leuten zusammen zu führen. So war die Plattenstrasse lange mein Lieblingshangout, wo ich mir jeweils donnerstags ordentlich etwas hinter die Binde goss und mit irgendwelchen anderen Gestalten um die Wette schwadronierte.

Eine Remix-Version von „Leerer, inhaltsloser Ausdruck“ gibt es hier:
Beim (Eigen-)Remix wurde auf die letzte, titelgebende Strophe verzichtet, dafür der Titel gesteigert zum Quasi-Zungenbrecher „Leererer, inhaltsloserer Ausdruck“.
Bei beiden Versionen – wie auch auf einigen anderen Saalschutz-Songs – ist die Stimme von Stina Galaxina zu hören, die ansonsten in ihrer Band Extralife komponiert, singt und Gitarre spielt. Ebenda spielt DJ Flumroc von Saalschutz auch den Bass.
Clips und Sound von Saalschutz im Netz auf Myspace und auf .
http://www.saalschutz.com/sound.html

Und jetzt muss ich, wenn ich schon mal rumtippe, noch etwas loswerden. Weil Saalschutz nicht mit Computern musizieren, sondern mit Drummachine und Synthie erinnern sie mich an eine anderer Zürcher Elektroband. So um 1982 rum war ich an einem Konzert der Aboriginal Voices im Drahtschmidli, das ich nie vergessen werde. Es war eng. Es war heiss. Der Sound war unerhört neu und aufregend. Da machte es gar nix, dass irgendwann alles erneut programmiert werden musste, weil irgendeinem Stromkabel übel geworden war.
Die EP der Aboriginal Voices habe ich vor ein paar Jahren Markus „Punky“ Kenner gegeben, damit er sie mir auf einen digitalen Tonträger überspiele. Punky hat massgeblich am Definitiv-Sampler gebastelt, ist ein wandelndes Lexikon in Sachen Musik und Zürcher Gegenkultur. Aber auch ein eingefleischter Sammler. Um es nett auszudrücken. (Ein Sammler, dem ich meinen Film auch zur Selbsterkenntnis anempfohlen habe.) Die Aboriginals-EP ist in Punkys Universum verschwunden, existiert sicher noch irgendwo (Energieerhaltungssatz!) ist aber nie mehr aufgetaucht. Es ist eine grossartige Elektro-Scheibe, die ruhig mal jemand wieder rausgeben oder wenigstens Rippen könnte.

Nochmals: Merci bien den beteiligten Bands, die nicht auf ihrer Arbeit hocken, wie die Geier, sondern Arbeiten, wie meinen Film, erst ermöglichen. Ok, es gibt ja, wenn man seine Musik in einem Film hat und der im TV und im Kino läuft, automatisch Kohle von Verwertungsgesellschaften wie der Suisa. Aber das heisst noch lange nicht, dass man Sound kriegen würde. Oft steht einem da die Plattenindustrie im Wege, die sich um die Interessen ihrer Künstler foutiert.
Konkret: In der Montage unterlegten wir Bilder meiner Eltern mit je etwa 30 Sekunden James Last und Bert Kaempfert. Darüber war dann noch eine Kommentarstimme. Von James Last wussten wir, dass ein anderer Filmer mit ihm einmal direkt verhandelt und den Sound gleich gekriegt hatte. Weil damit ja auch Lasts Kasse klingelte. Deshalb rief meine Produzentin, Mirjam von Arx, bei Universal Schweiz an, die Last und Kaempfert im Programm haben. Wir dachten, wenn wir denen etwas bezahlen, uns bereit erklären auf der Homepage, der DVD oder what ever, links zu legen, Werbung zu treiben und für das Schaffen der Herren Last und Kaempfert die Werbetrommel zu schlagen, dann müsste ein Deal für zwei mal 30 Sekunden zu finden sein.
Die erste Reaktion bei Universal auf unsere Anfrage war: Ihr könnt das eh nicht bezahlen. Auf unser Insistieren kam der Bescheid: Man könne darüber verhandeln, dass wir die Rechte für zehn Jahre kaufen würden. Das geht aber nicht, weil wir ja nicht in zehn Jahren den Film nochmals neu schneiden können.
Deshalb ersetzten wie Last und Kaempfert mit Eigenkompositionen und Produktionen von Adi Frutiger und Alexander T. Fähndrich. Das kommt sehr gut.
Trotzdem ist es unglaublich, dass die Industrie, anstatt ihren Künstlern die Verwertungsgelder zu gönnen und selber etwas zu kassieren, sich lieber verweigert. Wohlgemerkt geht es dabei um Songs, die bestehen, die Industriesäcke hätten keinerlei Arbeit, sie könnten einfach abgarnieren. Und ein Song, der in einem Film ist, auf einer Film-Homepage und auf DVD beworben wird, der würde mit Garantie auch da und dort gekauft. Und wir hätten, im Rahmen der Möglichkeiten kleiner Filmfritzen ja auch noch bezahlt.
Deshalb freut es mich jedes Mal, wenn ich lese, dass die Industrie-Kretins im Schlamassel stecken.

9 Kommentare

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  • 1 Sam am 6. August 2007, 17:40 Uhr

    Danke für den netten Bericht, war sehr interessant zu lesen. TNT war auch immer einer meiner persönlichen Favoriten.

  • 2 Autogas am 30. Oktober 2007, 00:47 Uhr

    Bin jetzt erst über diesen Bericht gestossen… TNT !!! Diese Meinung unterstütze ich vollkommen !

  • 3 Tobi am 14. November 2007, 18:33 Uhr

    Interessanter Bericht, schön zu lesen.

  • 4 Daus am 19. November 2007, 14:59 Uhr

    Danke für den Beitrag – ich wäre von allein gar nicht drauf gekommen, daß die Schweizer so etwas, wie eine alternative Musikszene haben,
    mir fällt bei Schweiz nur Krokus oder Gotthard ein. Werd wohl mal reinhören, in die ‚andere‘ Musik.

  • 5 Moritz am 9. Dezember 2007, 12:03 Uhr

    Habe kürzlich erst Saalschutz bei meinem guten Freund Daniel in Hamburg (Vinyl, was sonst?) hören dürfen. Fand ich sehr, sehr cool.
    „Dilettantisch einfacher Elektro mit schrägen Texten“ – da kann ich nur vollkommen zustimmen. Erfrischend gut. Und um ehrlich zu sein, hatte ich so etwas cooles aus der Schweiz gar nicht erwartet. Bin aber sehr gern eines besseren belehrt worden. :-)
    – Recommended!

  • 6 Florian am 17. Dezember 2007, 16:49 Uhr

    @ Moritz,
    Saalschutz haben letzten Monat sogar live in Hamburg gespielt – im Hafenklang war das, wenn Du das verpasst hast echt schade für Dich, war eins meiner besten Konzerte in den letzten Monaten.
    PS: ich kannte sie vorher aber auch nicht

  • 7 Kunst am 18. Dezember 2007, 15:08 Uhr

    Eine Schweizer Musikszene – kann man sich als Deutscher gar nicht vorstellen, wenn man einige Jahre die Schweizer kennengerlernt hat. Aber – warum nicht?

  • 8 chris am 14. Juni 2008, 21:13 Uhr

    die aboriginal voices ep habe ich als mp3. mail an cstettler@gmx.net.

  • 9 dirk am 17. Dezember 2010, 20:23 Uhr

    Musikszene Schweiz, auch für mich neu. Klar, hier in Köln gibt es unzählige Mundartgruppen und da ich als Fotograf auch viele Konzerte fotografiere, habe ich schon so manche Band von Hamburg bis München gehört. Der Bericht ist sehr interessant und habe soeben auch etwas auf YouTube gefunden. Ein Gruß aus dem endlich auch mal verschneiten Köln, Dirk

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