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»Einer muss es tun«

Mirjam von Arx am 2. April 2007 am 11:00 Uhr und 1 Kommentar

Rentokil-2Als Thomas Haemmerli die Wohnung der toten Mutter betritt, ist der Schock groß. Das Duplex ist total vermüllt, der Gestank infernalisch. Den Leichnam hat die Kripo Zürich für die nötige Obduktion mitgenommen, doch wo sie gelegen hat, ist der Boden mit einer harten Kruste von Leichensäften und Haaren überzogen. Verzweifelt sucht Haemmerli nach einem Reinigungsinstitut, das ihm die Putzarbeit abnehmen könnte. Der einzige Dienstleister, der zusagt, ist die Firma Rentokil.

Wir bemühen uns nicht aktiv um solche Jobs..

gibt Etienne Bischoff, General Manager der Schädlingsbekämpfungs-Division von Rentokil Schweiz/Österreich freimütig zu.

..aber uns ist bewusst, dass wir mit solchen Dienstleistungen auch eine soziale Funktion erfüllen. Für die Verwandten sind diese Momente schwierig genug. Und einer muss es tun.

Rentokil wurde vor über 65 Jahren in Dänemark als Unternehmen zur Rattenbekämpfung gegründet und beschäftigt heute rund 90.000 Mitarbeiter. Das Kerngeschäft sind die Schädlingsbekämpfung und der Hygieneservice. Leichenwohnungen sind relativ selten. In der Schweiz säubert man etwa zwanzig solcher Wohnungen pro Jahr. Nach solchen Einsätzen ist für den Servicetechniker immer duschen und Feierabend angesagt.

Weitaus häufiger kommt es vor, dass einer der 30 Servicetechniker in eine vermüllte Wohnung gerufen wird. Meist kommt der Auftrag von der Hausverwaltung, bei der Klagen wegen Schädlingen eingegangen sind.

Was unsere Leute da teilweise zu sehen bekommen, ist unvorstellbar. Da kriechen Kakerlaken neben Baby-Bettchen, Mäuse tummeln sich in den Bücherregalen, und die Mitarbeiter getrauen sich kaum noch, durch den Müll zu waten.

In einer der schlimmsten Wohnungen, die Bischoff seit Arbeitsbeginn bei Rentokil anfangs 2004 gesehen hat, stand der Dreck meterhoch und musste mit einer Mistgabel hochgehoben werden, damit eine effiziente Bekämpfung des ganze Ungeziefer vorgenommen werden konnte.

Was die Servicetechniker zu sehen bekommen, sind zwangsläufig die extremeren Fälle von Messietum und Vermüllung, zum Beispiel wenn der Mieter durch die Sozialdienste ausquartiert wird.

Die andern lassen uns in der Regel schon gar nicht in die Wohnung, wenn wir im Auftrag der Hausverwaltung vorbeikommen wollen. Ein Messie hat immer 100.000 Entschuldigungen, warum er im Moment keinen Termin abmachen kann für eine Desinfizierung, warum er nicht zu Hause sein kann. Die meisten haben wohl Angst, die Verwaltung würde über den Zustand der Wohnung informiert und ihnen gekündigt.

Woran diese häusliche Verwahrlosung liegt, darüber mag der Ökonom nicht spekulieren. Aber sie ist in allen Altersgruppierungen und sozialen Schichten zu finden. Auch an der Zürcher Goldküste. Bischoff erinnert sich an einen tragischen Fall eines Mannes um die 20, aus gutem Haus und angestellt bei einer Bank in der City.

Bei dem zu Hause war’s der totale Horror, aber am Morgen hat er sich die Krawatte umgebunden und ging zur Arbeit. Und niemand hat was gemerkt.

1 Kommentar

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  • 1 Lasse am 11. Januar 2008, 22:53 Uhr

    Solche Leute haben meine Hochachtung verdient. Grundsätzlich gefällt mir die Einstellung „Einer muss es tun“. Hoffentlich werden werden die Arbeiter, die solche Reinigungsarbeiten verrichten müssen sehr gut bezahlt. Letzteres ist leider selten der Fall…

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